Die Redaktionen haben ein ausgedünntes Budget. Experten sollen redaktionellen Inhalt gratis liefern.
Wir wissen es: Die Redaktionen sind ausgedünnt, die Stellen reduced to the max und die Budgets gekürzt bis unter die Armutsgrenze der Freien. Der Abbau geschah schrittweise über Jahre und jedes Mal versprach der Verleger und auch der Chefredaktor, die journalistische Qualität sei nicht gefährdet, nein, nein, viel eher sei das Gegenteil wahr. Wer’s glaubt, darf sich Manager oder Berater nennen.
Aber auf den Redaktionen herrscht täglich der normale Wahnsinn: Politiker treten zurück oder in Fettnäpfchen. Firmen fusionieren oder kollabieren, Manager erhöhen ihre Boni und wollen nicht darüber reden. Lohnabhängige streiken. Menschen töten Menschen, häufig als Soldat, manchmal aus Eifersucht oder Geldnot. Menschen betrügen Gutgläubige oder sich selber. Menschen fallen im Flugzeug vom Himmel oder in Sportkleidern von Felswänden. Manchmal pfeift der Wind, bis Hausdächer davonfliegen. Alltäglich geschieht also das Aussergewöhnliche, und der Redaktor weiss kaum noch, wo er seinen Kopf hat. Er aber hat den Kostendruck der Verleger verinnerlicht und ruft daher ganz selbstverständlich ausgelagertes Wissen ab, häufig bei staatlich besoldeten Universitätsprofessoren, manchmal aber auch bei Interessenvertretern, wie jenen der Arbeitgeber- Stiftung Avénir Suisse.
Diese Experten-Branche hat ihre bekannten Gesichter. Der Soziologe Kurt Imhof ist Experte für jeden und alles, besonders aber für das das, was er „Medientreibjagd“ zu nennen beliebt. Psychiater Frank Urbaniok ist Experte für die schweren Jungs mit guter Aussicht auf jahrzehntelang vergitterte Luft. Der Forensische Psychiater Josef Sachs liefert regelmässig Spontanerklärungen von Mord und Totschlag ohne persönliche Kenntnis des Täters. Journalist Sepp Moser gibt den Experten für Abstürze von Flugzeugen und Fluggesellschaften, die Psychologin Julia Onken ist zuständig für Trennungsschmerz und Menopause und Klaus Herr für Paare und Paarungen. Auch der Schreibende gehört zu diesem Kreis, er erhält Anrufe, wenn irgendwelche Nazischläger irgendwo wieder einmal zugeschlagen haben. Anfragen, die ihren ganz besonderen ökonomischen Reiz haben: Als Experte soll der freischaffende Journalist gratis Inhalt liefern.
Die Erfahrung lehrt: Je geringer das Redaktionsbudget, desto schneller rufen die Berufskollegen an. Zuerst melden sich also Privatradios und Gratiszeitungen, dann Privat-TVs, erst später telefonieren die Kollegen der Tageszeitungen oder der SRG, dafür sind diese dann auch besser vorbereitet. Aber immer muss alles ganz schnell gehen: Der Redaktor fasst eine aktuelle Agentur- oder Polizeimeldung in höchstens zwei Sätzen zusammen und will dann gleiche eine Stellungsnahme. („Entschuldigung, darf ich Sie gleich ins Studio schalten?“) Verweist der Experte darauf, dass er den konkreten Fall noch zu wenig genau kenne, erwidert ihm der Redaktor, er könne ja ganz allgemein sich zum Thema äussern. Eine Aufforderung zur Vorspiegelung ungenauer Tatsachen also. Es gibt immer wieder ‚Experten’, die ein solches Angebot sogar mitmachen. Darauf resultieren journalistische Beiträge, die nicht einmal Party-Geschwätz-Niveau erreichen.
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Die Neuigkeit: Die deutsche Milliardärin Susanne Klatten, deren Namen vorher nur interessierten Lesern von Wirtschaftsnachrichten bekannt war, hegt für kurze Wochen Leidenschaft zu einen unscheinbaren Schweizer Ex-Banker. Diesem fiel es offenbar leicht, Zuneigung und Gelder reicher Frauen zu erlangen. Das Portal „Newsnetz“ befragt daraufhin die Psychologin Julia Onken, die selbstverständlich die unlängst verliebte Milliardärin auch nicht näher kennt. Onken mutmasst zuerst ganz allgemein von „vielleicht etwas unterversorgt“, steigert sich dann zu „Frau Klatten ist natürlich ein armes Schwein“ und schwafelt dann noch: „Vielleicht hatte Klatten noch nie so guten Sex“. Sicher ist, wenn es so weitergeht, brauchen die Redaktionen bald einen Experten, der die Redaktoren im Umgang mit Expertinnen und Experten berät. Dieser wird ihnen dann erklären, dass Aussagen, die das Wort „vielleicht“ enthalten, zwar immer richtig sind, da sie auch die Behauptung des Gegenteils mit enthalten, deshalb aber Null Aussagekraft haben. Oder anders gesagt: Dafür braucht man keinen Experten, da genügt eine Strassenumfrage.