Hitlers Hetzschrift wird bald leichter erhältlich sein. Die Aufregung ist gross und laut, aber unnötig.
Tatsache ist: Im Frühling 2015 verfallen die Autorenrechte an Adolf Hitlers "Mein Kampf", dann kann jeder Verlag - ob rechtsextrem oder antifaschistisch - das ‚Werk' auf den Markt bringen. Tatsache ist auch: Der Freistaat Bayern will nun eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe herausgeben lassen und damit möglichem Missbrauch sowie kommerziellem Geschäft mit der Hetzschrift vorbeugen. Tatsache ist weiter: In Frankreich ist eine historische Ausgabe eines historisch berechtigten Verlages im Handel und hat in der Westschweiz eine lebhafte Diskussion ausgelöst, nachdem eine grosse Buchhandlung bestätigt hatte, dass die das Buch auf Bestellung verkaufe. Nachvollziehbar, die französische Ausgabe von "Mein Kampf" wird von einem Verlag herausgegeben, der Rechtextremen zumindest nahesteht. Die CICAD verlangte daraufhin, der Buchhändler hätte jedem verkauften Exemplar ihre "Auschwitz"-Broschüre beizulegen. Der Buchhändler winkte ab.
Nur: Warum die Aufregung, es ändert sich ja wenig! Die Hetzschrift wird - im schlechtesten Fall - ein bisschen schneller erhältlich sein. Denn auch in den vergangenen Jahrzehnten konnte jeder Interessierte sich das Buch leicht beschaffen und erst noch unkommentiert. Er kann es erstens in vielen Schweizer Bibliotheken ausleihen, zweitens seit rund 15 Jahren sekundenschnell aus dem Internet gratis herunterladen. Und drittens kann er es bei jenen Militaria-Geschäften kaufen, die NS-Devotionalien anbieten. Dies auch bei entsprechenden Fachmessen. Bei diesen Händlern findet man auch weiteres, seien es "Eiserne Kreuze", seien es Embleme der Waffen-SS, sei es weitere nationalsozialistische Literatur, meist in historischen Ausgaben. Direkt aus dem untergegangenen Nazireich quasi. Ohne Sanktion durch die Rassismus-Strafnorm. "Mein Kampf" ist eben auch ein historischer Quellentext, der für alle Interessierten zugänglich sein muss. Auch für jene Engagierten, die genau wissen wollen, gegen was sie sich engagieren. Oder frei nach Wolf Biermann: Die Ermutiger brauchen nicht nur Ermutigung, sondern auch Kenntnisse.
Kein Grund zu Aufregung aus einem weiteren Grund: Wer aktiv für die nationalsozialistische Ideologie Propaganda betreibt, verstösst in der Schweiz weiterhin gegen die Rassismus-Strafnorm. Mutmasslich tut dies sogar ein Buchhändler, wenn er eine unkommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" aktiv bewirbt, sei es in einem Inserat, sei es im Laden. Dazu gibt es ein Präjudiz-Urteil: Vor über zehn Jahren hat ein baselstädtisches Gericht einen Buchhändler verurteilt, weil er - nach Orientierung über den eindeutig antisemitischen Inhalt - ein Buch des Verschwörungsphantasten Jan von Helsing im Laden ausgelegt hatte.
Gegenwart ist auch: Rassisten - abgesehen von festgefahrenen alten Herren wie Gaston-Armand Amaudruz, inzwischen 91jährig, aber immer noch aktiv - begründen ihren Diskriminierungswillen nicht mehr wie die Nazis biologistisch, sondern kulturell. Sie reden - wie Samuel Phillips Huntington bereits Anfang der 1990er-Jahre - vom "Kampf der Kulturen", sie meinen die ‚Unverträglichkeit von Kulturen', genauer der Religionen. Wer Rassismus, Antisemitismus wie auch Muslimfeindschaft engagiert bekämpfen will, muss sich auf mündige Geister stützen können und nicht bei der Fragestellung von 1945 verharren, als sich der Freistaat Bayern die Rechte an Hitlers Schrift sicherte, um deren Wiederverbreitung zu unterbinden.
Und zum Schluss noch dies: Auch die "Protokolle der Weisen von Zion", eines der übelsten antisemitischen Werke, sind in einem deutschen Verlag bereits 1998 als kommentierte Ausgabe erschienen, ohne jede publizistische Aufregung und ohne wahrnehmbare Reaktionen - auch innerhalb der rechtsextremen Szene.