Der Schweizer Nationalismus führt zur Ausgrenzung eines Fünftels der Bevölkerung.
Lang, lang, ist es her, doch die Geister wollen sich nur schwer vertreiben lassen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaufte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft die Rütliwiese und schenkte sie dem Bund. Der nahm das Geschenk an und überliess die Verwaltung einer Rütlikommission. Am 1. August 1891 wurde in der Schweiz erstmals der Nationalfeiertag gefeiert. Der Schweizer Nationalismus half auch die wachsende Zersplitterung der Schweizer Gesellschaft - Freisinnige versus Katholisch-Konservative, Bourgeoisie versus Arbeiterschaft - zu übertünchen. Er führte dann allerdings, genährt durch den Ueberfremdungsdiskurs und die Geistige Landesverteidigung, zur gesellschaftspolitischen Ausgrenzung der Einheimischen ohne Schweizer Pass, heute rund 1,4 Millionen Menschen.
Am 1. August 1991 hätte alles so wunderbar schön patriotisch werden sollen, siebenhundert Jahre Eidgenossenschaft, siebenhundert Jahre Sonderfall. Hellenbardenträger standen stramm, Trachtenfrauen schwitzten und trugen Blumen auf den Armen. Dann schritt Nationalratspräsident Ulrich Bremi (Zürich, Wirtschaftsfreisinn) ans Rednerpult und erklärte, die Schweiz muss sich öffnen, sie ist Teil des entstehenden Europas. Im Klartext: Die Schweiz ist zwar ein Sonderfall, aber wie alle anderen Staaten der Welt auch. Der Schweizer Nationalismus hat ausgedient.
Es ist dann ein bisschen anders gekommen. Die EWR-Abstimmung brachte den Sieg der NationalistInnen. Dieses Politlager hat die Lufthoheit über den Stammtischen errungen, allerdings in den vergangenen Jahren zwar mehrere wichtige Abstimmungen verloren. In seinem breiten Schatten agieren marginale, doch erstarkte rechtsextremistische Grüppchen.
Und auf dem Rütli? 1996 machten sich dort erstmals wenige Naziskins auf dem Rütli bemerkbar. Ein älterer Herr, dem deren demonstratives Auftreten missfiel und der einem Skin den gestreckten Arm herunterschlagen wollte, wurde von Urner Kantonspolizisten der "Ueberreaktion" bezichtigt und zur Duldsamkeit aufgefordert. Seither kamen jedesmal mehr RechtsextremistInnen zur Rütlifeier. Die Medien schwiegen, die Rütlikommission schaute weg. Anno 2000 waren es dann rund 100. Sie buhten Bundespräsident Kaspar Villiger aus. Die Medien berichteten ausführlich und machten Rechtsextremismus zum öffentlichen Thema. Die Rütlikommission hingegen verharmloste weiter, die Neonazis seien doch auf der Patriotenwiese eine verschwindend kleine Minderheit gewesen.
Dieses Jahr war nun jeder dritteR RütligängerIn einE RechtsextremistIn. Im kommenden Jahr wollen Letztere bereits die Mehrheit stellen. Soll die Rütlikommission nächstes Jahr eine Rechtsextremistenfeier ausrichten? Die Rütlifeier darf nicht mehr stattfinden. Sie ist einerseits Ausdruck eines überholten Nationalismus und andererseits unwiderruflich zur Plattform der RechtsextremistInnen geworden. Die von einigen bürgerlichen Vertretern geforderte "Zurückeroberung des Rütlis", ist nicht mehr als hilfloses Gestammel, da den polemischen Worten keine entsprechende Mobilisierung folgen kann.
Postscriptum zur Vermeidung von Missverständnissen: Selbstverständlich soll der Erste August ein arbeitsfreier Tag bleiben. Nicht weil es der einzig nennenswerte politische Erfolg der Schweizer Demokraten ist, sondern weil es nicht genug Feste geben kann. Wie wäre es mit einem Tag der kulturellen Vielfalt. Raketen und Feuerwerk lieben ja alle. Zumindest fast.