Eine neue Studie untersucht die Darstellung jüdischer und muslimischer Akteure in Deutschschweizer Medien und kommt zu teilweise überraschenden Resultaten.
Stellen wir uns einmal vor, eine Schweizer Tageszeitung warnte farbig auf dem Titelblatt: «Die jüdische Gefahr», und zwei Tage später titelte ein Boulevardblatt gross und fett: «Juden stellen ihre Religion über unser Gesetz». Unvorstellbar? Nicht ganz, doch solchen Titeln würden unzweifelhaft heftige Proteste von Menschen und Organisationen folgen, die sich dem Kampf gegen Rassismus widmen. Tatsache aber ist: Donnerstag vergangener Woche stand auf dem «Weltwoche»-Titelblatt blau und fett «Die islamische Gefahr», Samstag vergangener Woche zitierte der «Blick» einen «Islam- und Rechtsexperten» in einem grossen Titel «Muslime stellen ihre Religion über unser Gesetz». Das Boulevardblatt lässt immerhin einen Vertreter der islamischen Gemeinschaft in der Schweiz zu Worte kommen, der solche hetzerischen Gedankenspielereien als «absurd» bezeichnet und erklärt: «Es ist gefährlich, derart Hass zu schüren.» Eine Einschätzung, der sich der ebenfalls befragte Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, anschliesst: «Das ist unsinnige Angstmacherei. Ein Grossteil der Muslime ist bestens integriert.» Sonst Schweigen, zumindest bis Redaktionsschluss. Im Gegensatz zu der jüdischen Gemeinschaft verfügt die islamische Gemeinschaft weder über Organisationen noch Exponenten, die in der Öffentlichkeit gegen Hetze auftreten. Und wer sich nicht wehrt, wird öffentlich weniger wahrgenommen.
Anstieg von Zwischenfällen
Die unterschiedliche Darstellung jüdischer und islamischer Akteure in Deutschschweizer Medien wird durch eine Studie bestätigt, die eine Kommission der Anti-Defamation League (ADL) von B’nai B’rith Zürich im Juli 2003 beim Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) an der Universität Zürich in Auftrag gegeben hat. Befragt zu den auslösenden Gründen für den Studienauftrag erklärt Roman Rosenstein, Vorsitzender der Zürcher Kommission, sie hätten festgestellt, dass in den vergangenen Jahren gesamteuropäisch die Zahl antisemitischer Zwischenfälle angestiegen sei. Auch sei in der Gesamtgesellschaft ein schleichender Prozess der Delegitimierung der jüdischen Identität des Staates Israel zu beobachten. Es wird je länger, desto weniger als Selbstverständlichkeit verstanden, dass Israel den automatischen Erhalt der «Staatsbürgerschaft auf Juden beschränkt». Und weiter werde «der alte traditionelle Antisemitismus durch einen neuen Antisemitismus abgelöst», der durch die zweite Intifada und die erstarkte Präsenz muslimischer Minderheiten in Europa verstärkt werde.
Vergleichende Untersuchung
Ursprünglich sollte die Studie «Antisemitismus und Antizionismus in den Medien» untersuchen, doch die fög-Forscher fanden einen anderen Weg. Bisherige Studien seien, so berichtet der Studienleiter Marc Eisenegger, entweder gescheitert oder seien zumindest sehr umstritten gewesen, weil die zugrunde liegende Antisemitismus-Definition kritisiert oder in Frage gestellt worden sei. Sie hätten darum einen vollständig neuen Ansatz entwickelt, indem sie «verallgemeinernde Aussagen über jüdische Akteure, das Judentum oder die jüdische Religion untersuchen» und diese Ergebnisse mit den «verallgemeinernden Aussagen über muslimische Akteure oder den Islam» vergleichen. Die redaktionellen Medienbeiträge werden daraufhin untersucht, ob sie den Akteuren gegenüber Empathie oder Distanz vermitteln und ob sie seitens des Mediums korrigiert oder unkorrigiert stehen gelassen werden.
Der gewählte Ansatz kommt dann an seine Grenzen, wenn das Schreiben über tatsächliche Privilegien unberechtigter Kritik gleichgesetzt wird, beispielsweise wenn über die ungleiche Behandlung von Juden und Palästinensern oder arabischen Israeli durch den israelischen Staat geschrieben wird. Sie würden, so Marc Eisenegger, eben «Wahrnehmungsphänomene» untersuchen, aber nicht abklären, ob die Wahrnehmung mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmen würden oder nicht. Klar ist immerhin: Weder Privilegierte noch ihre Unterstützer lieben die öffentliche Erörterung einer privilegierten Situation bzw. der Durchsetzung von Privilegien.
In der Opferrolle
Was aber sind die wichtigsten Befunde der Studie? Von jüdischen Akteuren vermitteln die untersuchten Medien «über weite Strecken ein positives, das heisst Empathie förderndes Bild». Häufig würden Juden «in einer Opferrolle» dargestellt, «sei es in einer historisch gewachsenen als bedrohte und verfolgte Minderheit, sei es durch aktuelle Bedrohungen – insbesondere durch Terroranschläge». Auch eine «latente oder manifest bestehende Gefährdung durch Antisemitismus» werde mehrheitlich bestätigt und nur selten in Frage gestellt. Anders allerdings das Ergebnis über die «muslimischen Akteure», die vorwiegend als «Täter, aggressiv oder Konflikt(e) fördernd» dargestellt werden. Zwar werde die Täter-Typisierung insofern relativiert, als sie in den meisten Fällen auf «Islamisten» bzw. auf «muslimische Fundamentalisten» und damit nicht am Kollektiv der Muslime festgemacht werde. «Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Täter-Typisierung für das Image des Islam bzw. der Muslime hoch problematisch bleibt, denn die Bezeichnung ‹Islamist› wird direkt mit dem Islam als Religion in Verbindung gebracht und ist in der Berichterstattung praktisch ausnahmslos negativ besetzt.»
Zwei Überraschungen
Dieses Ergebnis wird noch verstärkt, wenn man berücksichtigt, dass viel häufiger über Muslime und den Islam berichtet wird. In fünf Monaten ermittelten die Forscher schon mehr redaktionelle Beiträge über Muslime und den Islam als über Juden und Judentum in einem ganzen Jahr. Roman Rosenstein sieht durch die Studienergebnisse die «Annahmen zum grossen Teil bestätigt», allerdings erkennt er auch zwei «Überraschungen», erstens, dass sich der «verbreitete Antiamerikanismus nicht auch in antizionistischen oder antisemitischen Äussserungen» zeige, und zweitens, dass der Korrekturgrad bei Berichterstattung über Antisemitismus sehr hoch sei. Die ADL will die Ergebnisse mit verschiedenen Redaktionen («NZZ», «Tages-Anzeiger», «Basler Zeitung», Schweizer Fernsehen DRS) diskutieren. Ausserdem wiil sie auch der jüdischen Gemeinschaft die Einsicht vermitteln, dass die Deutschschweizer Medien ein «wohlwollendes Bild der Jüdinnen und Juden» vermitteln.
Die Studie macht vor allem aber deutlich, dass jene Menschen und Organisationen, die sich mit dem Kampf gegen Rassismus beschäftigen, sich neu orientieren und sich vermehrt mit dem verbreiteten Antiislamismus auseinander setzen müssen. Auch im Interesse der jüdischen Gemeinschaft: Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Abstimmungsanalyse wurde Ende November 2003 im Kanton Zürich die staatliche Anerkennung nichtchristlicher Religionsgemeinschaften deshalb abgelehnt, weil die zumeist nationalkonservativen Gegner um SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer mit ihrer gezielt antimuslimischen Kampagne erfolgreich waren.