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Kommentar zum einem Prozess: Sieben Skinheads hatten einen jungen Mann lebensgefährlich verletzt, weil er ein Rasta-Junge war.

Beim öffentlichen Reden über die Gefahren des Rechtsextremismus äussern sich immer wieder Gutmeinende - wie auch Verharmloser -, die von den vielen angeblich irregeleiteten Mitläufern und den wenigen Drahtziehern schreiben, andere verwenden dafür die mehr Kompetenz vortäuschenden Begriffe Symptomatiker und Programmatiker. Letzere gelte es öffentlich zu brandmarken, die anderen seien eben in einer schwierigen Phase ihrer jugendlichen Idenitätsfindung und ihr Tun habe wenig bis nichts mit politischer Ueberzeugung zu tun. Eine Unterscheidung, die der Realität des Rechtsextremismus nicht gerecht wird. Wie ein Prozess vor dem Bezirksgericht Frauenfeld diese Woche wieder einmal aufzeigte.

Die Tat: Ende April 2003 treffen sich sieben junge Männer, alle zwischen 18- und 23jährig, an einem Samstagabend in einem Thurgauer Pub. Sie wissen, was es geschlagen hat. Ein Rheinmatrose und Maurerlehrling hat in den vergangenen Tagen ein SMS an seine Gesinnungskameraden gesandt: "Kampf gegen die Roten!" Dies ist - neben Bier - das abendfüllende Traktandum. Zuerst hofften sie, es würden wohl zwanzig oder dreissig zum Treffpunkt kommen, dann aber fanden sich nur sieben Rechtsextremisten ein. Das SKA-Punk-Konzert im Frauenfelder Kulturzentrum Eisenwerk können sie so nicht angreifen, aber Jagd machen, auf missliebige Menschen, die sie "Linksextremisten" nennen: Dazu fühlen sie sich stark genug.

Linksextrem? Das sind alle jungen Menschen, die nicht dem Bild junger Nationalisten/Rassisten entsprechen: Also langhaarige KifferInnen, Reggae-LiebhaberInnen mit farbigen Wollmützen, Punks mit farbig verklebten Haaren. Und so weiter und so fort. Wer linksextrem ist, bestimmen Rechtsextremisten aus dem hohlen Kopf. Ist das nun eine politische Haltung? Nein, ist es nicht, wenn man ausschliesslich in den Begriffen der institutionalisierten Politik (Wahlen, Abstimmungen, Kampagnen, Interessenvertretungen etc.) denkt. Ist es aber, wenn man Politik auch als Auseinandersetzung um die kulturelle Dominanz im öffentlichen Raum und Auseinandersetzun zwischen Subkulturen begreift.

Mehrere der sieben anwesenden jungen Männer sind Mitglieder der internationalen Nazikskinhead-Organisation "Blood and Honour", die anderen bewegen sich in rechtsxtremistischen Zusammenhängen. Irgendwie hervorgetreten sind sie bis anhin öffentlicht nicht. Mehrere von ihnen haben zwar bereits einschlägige Vorstrafen gesammelt, Angriff, Körperverletzung. Delikte, die viele junge Männer begehen, die sich sich länger in rechtsextremistischen Cliquen und Gruppen bewegen. Programmatiker sind sie nicht. Aber Mitläufer oder Symptomatiker sind sie auch nicht, ihre Aktivitäten entwickeln sie aus eigenem Antrieb und eigener szenegestützten Ueberzeugung. Und die Taten entsprechen ihrem rechsextremistischen Weltbild. Denn: Die rechtsextremistische Ideologie an sich ist Bedrohung, unabhängig davon, wieviele programmatische Schriften die Täter gelesen haben.

An diesem Samstagabend im April 2003 lungern die sieben Täter rund anderthalb Stunden in Frauenfeld herum, immer auf der Suche nach Opfern, die ihrem Feindbild entsprechen. Kurz vor Mitternacht schlagen sie zwei junge Männer zusammen, die sich vom Kulturzentrum Eisenwerk aus auf dem Heimweg sind. Eines der beiden Opfer - ein damals 15jähriger Reggae - erleidet schwere Hirnverletzungen, er wird sein weiteres Leben lang geistig und körperlich behindert bleiben. Die Täter feiern nach der Tat an einem Barpub-Festival.

Anfang dieser Wochen sassen nun sechs der sieben Täter vor dem Bezirksgericht Frauenfeld - einer hatte sich im Untersuchungsgefängnis aus dem Leben gemacht. Die angeklagten Nazikskins bereuen nicht die Tat, sondern ausschliesslich die Schwere der angerichteten Verletzung. Sie sagen, sie hätten noch Kontakte mit rechtsextremen Kollegen. Leider wollen weder das Gericht noch der Staatsanwalt genauer wissen, wie denn diese Kontakte aussehen. Waren die Täter vielleicht beim diesjährigen Rütli-Aufmarsch, besuchten sie in den vergangenen Monaten rechtsextremistische Konzerte - wie es in den vergangenen Monaten einige in der Schweiz gab? Orten also, an denen junge Rechtsextremisten ihre Hass-Welt bekräftigt bekommen.