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Ein Schwerverletzter im Thurgau, zwei tote Jugendliche in der Westschweiz, um nur einige Beispiele zu nennen. «Jugendgewalt» könnte zum Thema dieses Sommers werden.

Zwei Jugendliche werden im Kanton Thurgau auf besonders brutale Art verprügelt. In der Waadt erstechen Jugendliche einen Jugendlichen. Wenige Tage später stechen im Kanton Fribourg erneut Jugendliche auf einen Jugendlichen ein, auch er stirbt.

Wenn nicht vieles trügt, wird das Thema «Jugendgewalt» das diesjährige Sommerthema. Bereits im Sommer 2001 gab es ein kleines Vorspiel. Damals griffen junge Männer – meist ohne Schweizer Pass – Rekruten der Schweizer Armee an. Es kam zu grossen Titelgeschichten und politischen Stellungnahmen, Letztere in die Welt gesetzt von PolitikerInnen, die regelmässig den verbreiteten latenten Schweizer Rassismus politisch bewirtschaften. Zu gut entsprachen ja einige Versatzstücke populistischen Empfindlichkeiten: Angriffe auf Angehörige staatswichtiger Institutionen, die eh schon ausgegrenzten Täter – folglich wurden noch stärkere Repressionsmassnahmen verlangt.

Prügelei in Frauenfeld
Es lohnt sich, die oben erwähnten neuen Fälle genau anzuschauen: Ende April werden zwei Jugendliche, die in Frauenfeld ein Ska-Konzert besucht haben und sich auf dem Weg zum Bahnhof befinden, von vorerst Unbekannten zusammengeschlagen und liegen gelassen. In den folgenden Tagen erholt sich einer von ihnen, der zweite fällt für Wochen ins Koma; nur eine Notoperation rettet ihm das Leben. Ob der 15-Jährige je wieder vollständig gesund wird, ist unklar.

Die Thurgauer Kantonspolizei informiert erst zwei Tage nach dem Angriff und schreibt lapidar von einer «Schlägerei» und einer «Auseinandersetzung». Verharmlosende Wertungen, die von Medien übernommen werden. Als rund sechs Wochen später die Täter gefasst werden, schwurbelt die Thurgauer Polizei gar: «Die beiden Jugendlichen wurden offensichtlich zufällig Opfer von Ideologien zwischen linken und rechten Gruppierungen.» Will sie damit sagen, dass Ideologien zugeschlagen haben und nicht rechtsextreme Angreifer?

Die Deutschschweizer Medien begnügen sich mehrheitlich mit dem Abdruck von Agenturmeldungen. Nur der «Blick» recherchiert nach den Verhaftungen und schreibt von «Skins». Einige der sieben Tatverdächtigen hätten zum Weinländer Sturm gehört, berichtet die Zeitung. Einer antifaschistischen Demonstration, die Ende Mai in Frauenfeld stattgefunden hat, schenken die Medien – ausser in der Ostschweiz – kaum Aufmerksamkeit; auf jeden Fall viel weniger als der Gegendemonstration zu einer verbotenen rechtsextremistischen Kundgebung gegen «Ausländergewalt», bei der rund fünfzig AntifaschistInnen das Bild der «aggressiven Linken» bestätigen.

Am 1. Juni fährt der 18-jährige Malerlehrling Michaël F., der in La Chaux-de-Fonds wohnt, mit dem Zug von Payerne nach Yverdon. Vier junge Männer klauen ihm seinen CD-Player. Er meldet den Diebstahl dem Zugspersonal. Im Bahnhof von Yverdon greifen die vier Täter Michaël F. nochmals an, dieser verteidigt sich mit einem Messer. Am Schluss bleibt Michaël von mehreren Messerstichen schwer verletzt liegen. Er stirbt fünf Tage später. Die vier Täter zwischen 15 und 23 Jahren, zwei portugiesischer, einer französischer und einer schweizerischer Herkunft, sind bald gefasst und geständig.

Spiel mit Emotionen
Unmittelbar nach dem Tod erscheinen – neben Schilderungen des Tatherganges – Porträts über das Opfer, illustriert mit einem Foto, das einen jungen Mann mit lockigem Haar zeigt. Vor allem «Le Matin», dessen Chefredaktor Peter Rothenbühler die Romands vom boulevardigen People-Journalismus überzeugen will, zeichnet das Bild eines «guten Burschen. Normal. Nicht gewalttätig. Verbunden mit seinen Eltern und verliebt in seine kleine Freundin aus Payerne.» Eine Darstellung, die die Täter (darunter besonders den Haupttäter, einen 21-jährigen Kapverdier mit portugiesischem Pass, der seit bald zehn Jahren in der Schweiz lebt) als skrupellose Bösewichte erscheinen lässt – eine gute Vorlage für rassistische Projektionen. Nur die Tatsache, dass das Tatmesser offenbar dem Opfer gehörte, nötigt auch «Le Matin» zu einigen argumentativen Windungen.

Da der Untersuchungsrichter keine Details zum Tatablauf veröffentlicht, lässt er den Medienschaffenden Raum zu Vermutungen. «Le Matin» spielt die Emotionen hoch, bis er von einer sich entwickelnden «Bewegung» schreiben kann, die den Behörden Laschheit vorwerfe, da zumindest einige Täter bereits Tage zuvor polizeilich angehalten worden waren. Am Samstag, 14. Juni, finden sich in La Chaux-de-Fonds über tausend Menschen zur Kundgebung gegen Gewalt zusammen, unter den Anwesenden einige Naziskins.

Am Sonntag, 15. Juni, veröffentlicht die Journalistin Françoise Boulianne in «dimanche.ch» eine «contre-enquête». Boulianne schreibt, der Junge habe in jüngster Zeit seine Haare sehr kurz getragen und in der Techno-«Hardcore»-Szene verkehrt. Er sei Teil einer Clique gewesen, die erstens sehr nationalistisch sei und zweitens Schlägereien nicht aus dem Wege gehe. Unklar bleibt allerdings, wie weit sich Michaël an solchen Schlägereien beteiligt hat.

Bouliannes Text relativiert die Scheusslichkeit der Tat nicht, aber demontiert das stilisierte Bild des biederen Opfers. Die Eltern des Opfers haben über ihren Anwalt verlauten lassen, sie würden wegen des Artikels eine Strafanzeige einreichen. Bouliannes Recherche wird in der Westschweizer Presse zwar erwähnt, deren Inhalt jedoch nur mit Vorbehalten aufgenommen. Zwar hatte bereits am Sonntagabend ein Freund des Opfers am Westschweizer Fernsehen gesagt, Michaël sei «sehr nationalistisch» gewesen, habe seine Kleider mit «Schweizerkreuzen» verziert, gerne die «Nationalhymne» gehört und den linksextremen «Abschaum» verabscheut.

Heftige Reaktionen löste Bouliannes Artikel auch auf der rechtsextremen Internetseite «Avant Garde Suisse. Jeunesse Identitaire Suisse» aus. Die Seite ist seit dem 1. Mai 2003 aufs Netz aufgeschaltet, wurde aber bislang kaum beachtet. Am selben Tag, als Bouliannes Text in «dimanche.ch» erschienen war, bedienten die Betreiber der Homepage die Eingeschriebenen mit einem Newsletter: Michaël sei «einer unserer Kameraden» gewesen, und man wolle am letzten Juni-Wochenende in Yverdon demonstrieren. (Eine Ankündigung, welche die Rechtsextremisten später zurückziehen.) Ein «Avant Garde Suisse»-Exponent publiziert zudem im «Forum» Adresse und Telefonnummer von Françoise Boulianne, mit der Aufforderung, sie anzurufen oder ihr zu schreiben, unter anderem, dass man sich einmal mit dem «Abschaum» beschäftigen müsse und aufhören solle, deren Verbrechen zu rechtfertigen. Ein weiterer «Avant Garde»-Exponent erachtet es dann als notwendig, beizufügen, Ziel sei es nicht, die Wohnung auseinander zu nehmen (plastiquer son appartement) oder ihr zu drohen.

«Le Temps» zieht später nach und demontiert endgültig das stilisierte Medienbild: Michaël war zwar nicht Mitglied der im Aufbau begriffenen, rechtsextremistischen Bewegung «Avant Garde Suisse» – die über Kontaktpersonen in Genf, Neuenburg und im Wallis, verfügt –, hatte aber seinen Beitritt angekündigt. Er war unter den zehn Ersten, die sich im «Avant Garde Suisse»-Forum eingetragen hatten, verfasste aber keinen eigenen Beitrag. Er ergänzte allerdings – was «Le Temps» nicht erwähnte – seine «signature» mit dem Eintrag «88», dem szeneninternen Code für «Heil Hitler». Diese Informationen interessieren «Le Matin», der so ergreifend über Michaël F. geschrieben hat, wenig.

Der unspektakuläre Fall
Das zweite Tötungsdelikt ereignete sich in der Nacht auf den Samstag, 14. Juni, in Vauderens (FR). Ein 19-Jähriger, dessen Freundin von seinen zwei Bekannten belästigt worden sein soll, zieht ein Messer. Er verletzt den einen Bekannten geringfügig an der Schulter, den zweiten tödlich. Alle drei jungen Männer waren Schweizer, alle stammten aus der näheren Umgebung. Am Montag titelt «Le Matin»: «Le meurtrier: un garçon ‘plutôt doux’». Der Täter, ein eher sanfter Bursche? Gleich zwei Gemeindepräsidenten bestätigen, was für besonnene und ruhige Menschen sowohl Täter wie Opfer gewesen seien. Mit solchen Aussagen lässt sich keine Boulevard-Kampagne führen und keine Empörung mobilisieren. Dazu braucht es unschuldige Opfer und eben Täter, die bereits ausgegrenzt sind.