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Worte können Überzeugungen werden, Entscheide, Angriffe, Attentate, müssen aber nicht. Der Massenmord von Oslo und Utöya führte auch zu Forderungen nach (Selbst)-Beschränkungen der Medien.

Die Bewegung begann am Kiosk. Eine Woche nach dem Massenmord setzten zwei norwegische Boulevardzeitungen das Porträt des Täters Anders B. Breivik gross auf die Titelseite, daraufhin nahmen Kioskangestellte die beiden Titel aus dem Angebot oder sie legten sie mit der Rückseite nach vorn in den Verkaufsständer.„Wir wollen dieses Gesicht nicht mehr an unserem Arbeitsplatz sehen“, erklärten die Verweigerinnen und Verweigerer. „Er soll vergessen sein und nicht noch exponiert werden.“ Dies berichtete vergangene Woche die Berliner „Die Tageszeitung TAZ“. Die Bewegung habe sich zwischenzeitlich ausgeweitet selbst Passanten würden schon Hand an den Kioskaushang legen und „Zeitungen wenden“. Und eine Kioskchefin habe die Aktion mit „Sympathie mit dem Betroffenen“ begründet. Von den Angehörigen der Opfer kommt allerdings niemand zu Worte. Der Chefredaktor einer norwegischen Boulevardzeitung hingegen behauptete, solche Aktionen grenzten an Zensur. Zensur? Die tägliche Verkaufsabstimmung am Kiosk richtete sich für einmal gegen die Boulevardmacher. Warum auch nicht!

Aufrufe zum „Zeitungswenden“ gab es in der Schweiz nicht. Aber man konnte den Einwand hören, wenn man sich mit seinen Schriften befasse, würde Breivik gerade erreichen, was er gewollt habe: Anerkennung und Öffentlichkeit. Gelegentlich vorgebracht mit dem Unterton, die mediale Beachtung könnte einige Menschen zur Nachahmung animieren. Sollen Medienschaffende also die 1500-seitige Schrift ausführlich analysieren? Oder machen sich Medienschaffende zum Sprachrohr eines Überzeugungstäters?

Tatsache ist: Erstens: Breiviks Massenmord ist politisch begründet, und Tat und Begründung stimmen überein. Zweitens: Forderungen nach Einschränkungen in der Berichterstattung widersprechen grundsätzlich dem Recht des aufgeklärten Citoyens auf Information.

Breiviks Tat hat auch die Wahrnehmung von Islamkritik – für längere Zeit – in vielen westeuropäischen Ländern verändert. Allerdings gilt auch: Vieles was als „Islamkritik“ gelten will, ist pöbelhafte Diffamierung, ja Hetze, genährt von der Motivation, Muslime – wie auch die Verteidiger von deren Grundrechten – mundtot zu machen. Folgerichtig daher: Es waren – neben den Boulevardmedien - vorwiegend Politiker und Blogger, die mit ‚Islamkritik’ ihr politisches Geschäft machen und die den Täter und Pamphletschreiber „Breivik“ als „Verrückten“, als „Monster“ bezeichneten. Kurz- und langfristig bedient ein Verschweigen die Interessen der Muslimfeinde, kurzfristig, weil sie sich der Auseinandersetzung über die verbreitete Muslimfeindschaft nicht stellen müssen, langfristig weil sie entstandenen Leerstellen mit Verschwörungsphantasien auffüllen können, bis hin zur Klage von den gelenkten Medien.

Damit kein Missverständnis aufkommt. Zutreffend ist, was der Friedensforscher Johan Galtung erklärte. Rechtspopulistischen oder rechtsradikalen Parteien, die Breivik ja bewundert habe, könne „man keine Mitschuld geben. Sie sind verantwortlich dafür, dass Hass gegen Muslime entsteht. Aber sie sind nicht für Breiviks Hass verantwortlich. Seine Weltanschauung, sein Hass auf das angebliche Bündnis aus sozialdemokratischen Multikulturalisten und Islamisten, ist beispiellos.“ Auf der anderen Seite hat Breiviks Tat auch klar gemacht, dass die meisten europäischen Medien sich mit den islamfeindlichen Aktivisten, die sich in Blogs wie dem deutschsprachigen Politically Inocorrect austoben, kaum auseinandersetzen und sie auch nicht bemerkten, wie sie dort täglich beschimpft und verunglimpft werden.

Vor allem aber gilt: Die Ermutiger brauchen Ermutigung, will heissen genaue Informationen. Erster Adressat der Medienschaffenden ist ja noch immer der aufgeklärte Staatsbürger, die Leerstellen der Berichterstattung werden zu den schwarzen Flecken der öffentlichen Diskussion.

Fazit: Breiviks Gesicht muss man ja nicht täglich auf die Titelseite und auf den Kioskaushang knallen, mit seiner Schrift  allerdings müssen sich Medienschaffende auseinandersetzen, je präziser und damit ausführlich, desto besser.