Plädoyer für die Aussetzung der Rütlifeier.
Am Montag störten an der offiziellen Bundesfeier auf dem Rütli rund siebenhundert RechtsextremistInnen die Rede des Bundespräsidenten Samuel Schmid (SVP), vor allem wenn er Worte wie «Integration», «Demokratie» oder «Religionsvielfalt» in den Mund nahm. Die Feier habe «einen erbärmlichen Charakter» angenommen, befand selbst die NZZ, die bis anhin alle Warnungen vor dem Rechtsextremismus als aufgeregtes Getue hinzustellen beliebte. Und auch die einst als fortschrittlich eingeschätzte Judith Stamm (CVP), Präsidentin der organisierenden Rütlikommission, erklärte gegenüber einem Journalisten, diese «Störaktionen» hätten das «Mass an Zulässigem überschritten». Was nichts anderes heisst, als dass sie an einer stillen Präsenz von RechtsextremistInnen wenig auszusetzen hat.
Bereits zum zehnten Mal marschierten Rechtsextremisten zur Rütli-1.-August-Feier, jedes Mal stieg ihre Zahl, die OrganisatorInnen schauten so weit weg wie möglich oder rüffelten die Medienschaffenden: «Alles aufgebauscht», hiess es beispielsweise im Jahre 2000, als in den Zeitungen von der «Schande vom Rütli» geschrieben wurde. Wie kommt es, dass ein bürgerliches Innerschweizer Honoratiorengrüppli Jahr für Jahr naiver auf einen RechtsextremistInnenaufmarsch reagiert? Und: Vor welchem gesellschaftlichen und historischen Hintergrund vollzieht sich dieser Aufmarsch?
Es gebe keine Nation Schweiz, «il n'y a pas de nation suisse», behauptete unlängst der Historiker André Reszler, Verfasser von «Mythes et identité suisse». Und er fuhr fort, dass es ein Schweizervolk gebe, das von Personen gebildet werde, die sich zuerst als Bürger (citoyen) ihrer Gemeinde und ihres Kantons fühlen und danach auch noch als Schweizer. Dieser Gedanke ist in den vergangenen Jahrzehnten bereits von anderen Autoren geäussert worden, trotzdem ist er fahrlässig unzutreffend. Denn in diesem Raum, der rund 42 000 Quadratkilometer umfasst und auf der Europakarte als «Schweiz» angeschrieben wird, dürfen rund ein Fünftel der Menschen weder Citoyenne noch Citoyen sein.
Die Schweiz ist zuallererst eine Gesellschaft, in der - wie in anderen Gesellschaften auf der Welt - Männer, Frauen und Kinder zusammen leben, produzieren, konsumieren und durch eine Bürokratie verwaltet werden. Diese Menschen leben in verschiedenen religiösen Traditionen (christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch und so weiter) oder auch ohne (geht ganz gut!). Sie haben höchst unterschiedliche Vermögen und Einkommen, leben von Kapitalerträgen oder vom Lohn gegen Arbeit. Sie leben als Muotataler Bergpuurli (hoch subventioniert) oder als italienischstämmiger Gewerkschafter (pensioniert, aber immer noch aktiv), der auf die Einbürgerung verzichtete, nachdem ihm die Einbürgerungspolizisten sein linkes Engagement vorhielten und ein Scheitern in Aussicht stellten. Oder als Genfer Privatbankier (verschwiegen wie ein Gletscherloch), der von den Löchern der Eidgenössischen Steuergesetzgebung komfortabel, aber calvinistisch streng lebt. Oder wie jene dissertierende Sozialwissenschaftlerin, die als Schulkind in den kurdischen Bergen Ziegen hütete, seit über zwanzig Jahren in der Schweiz lebt und für (fast) jede Reise in ein Nachbarland langwierige Passformalitäten erledigen muss.
So weit die Realität. Fakt ist aber auch, dass es eine seit über hundert Jahren gepflegte Ideologie gibt, die die sozialen und politischen Brüche der kapitalistischen Schweiz zukitten soll. Gespeist aus altertümelnden Sagen (Willi Tell, Winkelried et cetera), anschaulich gepflegt auf dem Pilgerort Rütli. Auch Bundesrat Samuel Schmid erzählte letzten Montag vom «mystischen Ort», der das Rütli sei. Dabei ist Le Gruetli nichts anderes als eine schwer zugängliche Wiese, die der Eidgenossenschaft gehört und von der Rütlikommission verwaltet wird. Eine Kommission, in der sich innerschweizerische Bürgerliche prestigeträchtige Auftritte, nämlich die Rütli-1.-August-Rede, zuhielten. (Schmid war einer der ersten Nicht-Innerschweizer, der als 1.-August-Redner auftreten durfte.)
Die Freisinnigen, immerhin die Gewinner des Sonderbundskrieges 1847 und die Begründer der demokratischen Schweiz, überliessen den katholisch-konservativen Verlierern die Ideologiepflege, und diese pflegten ein Bild der Schweiz der Berge und Landwirte, frei von Städten, Fabriken und ImmigrantInnen. Sie nannten es in den dreissiger Jahren - auch inspiriert von faschistischen Vordenkern - «geistige Landesverteidigung»: Hellebarden, Schweizer Fahnen, Geranien vor den Fenstern. Sie steht für Abschottung nach aussen und Ausgrenzung im Innern - getragen von allen bürgerlichen Parteien und einem Teil der Sozialdemokratie - vor allem auch im Kalten Krieg. Dieses Schweizerbild entsprach der offiziellen Regierungspolitik bis Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Länder und der aussenpolitischen Öffnung (hin zur EU, hinein in die Uno) ist es obsolet geworden.
Die Rütliwiese aber ist immer noch Projektionsfläche für diese abgeschottete und unzeitgemässe Schweiz. Folgerichtig ist sie Anziehungspunkt für die Nationalkonservativen wie auch für die Rechtsextremisten. Was tun? Die 1.-August-Feier auf dem Rütli muss ersatzlos gestrichen werden. Ersatzlos, nicht nur wegen der RechtsextremistInnen - das auch, und ganz besonders -, sondern auch, weil sie gesellschaftlich und politisch überholt ist. Diese Absage lässt Raum für Lösungen. Zum Beispiel: Am 1. August erhält die Rütliwiese (und damit auch der Rütliwirt) einen arbeitsfreien Tag. Betretungsverbot. In einigen Jahren kann man weitersehen. Neue Feste braucht das Land.