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Europas Rechtsextreme unterhalten Kontakte über die Landesgrenzen hinweg. Die meisten Gewalttaten werden allerdings lokal geplant.

Nachdem ein 35-jähriger Mann als Verdächtiger im Mordfall Anna Lind verhaftet worden war, folgten bald Medienberichte, die behaupteten, der Inhaftierte habe Kontakte mit mehreren bekannten schwedischen Rechtsextremisten gepflegt. Zwar sind diese Informationen bis anhin nicht bestätigt worden, doch hat die Meldung bereits die mediale Aufmerksamkeit auf die schwedische Neonazi-Szene, insbesondere jedoch auf die Kontinuität der rechtsterroristischen Bedrohung in Schweden gelenkt.

Seit Beginn der 90er-Jahre existierten bzw. existieren in diesem skandinavischen Land, dessen Skinhead-Szene als besonders gewalttätig bekannt ist, verschiedene einschlägige Organisationen. So entstand um 1991 als schwedisches Abbild der US-Organisation The Order der Weisse Arische Widerstand (Vitt Ariskt Motstand/VAM), deren Mitglieder Banküberfälle, Bombenanschläge und politische Morde begingen. Schätzungen der Anti Defamation League (ADL) zufolge hatte die VAM bis zu 150 Mitglieder und rund 300 Anhänger. Die VAM wurde zwar bald polizeilich zerschlagen, doch in ihrer Tradition agiert seit Mitte der 90er-Jahre die Nationalsozialistische Front (NSF). Im Mai 1999 haben NSF-Mitglieder beispielsweise auf der Flucht nach einem Banküberfall zwei Polizisten kaltblütig ermordet. Zu ihren Opfern zählt auch ein Gewerkschafter, der vor seiner Haustüre niedergeschossen wurde.

Obwohl die schwedischen Rechtsextremisten der VAM - wie ihre Kameraden anderer Länder - weit führende Kontakte zu Gesinnungsgenossen in anderen Ländern pflegten und pflegen, fand das schwedische Beispiel keine Nachfolger. Ausser in England, wo die aus der British National Party hervorgegangene Terrororganisation Combat 18 tätig war. Unter dem Titel «Redwatch» veröffentlichte Combat 18 beispielsweise eine «Todesliste». Einige der darin genannten Personen und Organisationen wurden kurz darauf Opfer von Anschlägen. Neben Terror betrieben die Combat-18-Leute auch Saalschutz, auch bei Veranstaltungen der British National Party. 1999 verhaftete die britische Polizei zwar 15 Personen, darunter zwei Soldaten einer Eliteeinheit, dies nachdem eine zweite «Todesliste» aufgetaucht war.

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre arbeiteten Combat-18-Leute gelegentlich auch über die Landesgrenzen zusammen. Schwedische Neonazis sandten Briefbomben nach England, an politische Gegner und eine bekannte, mit einem Farbigen verheiratete Nachrichtensprecherin sowie an Überläufer aus den eigenen Reihen. Auch die schwedische Justizministerin war Ziel einer Briefbombe. Combat 18 blieb bis anhin die einzige rechtsterroristische Organisation, die kontinuierlich international tätig war. Im Mai dieses Jahres tauchte erstmals auch ein Täterschreiben einer Combat 18 Deutschland auf, die einen Anschlag auf einen jüdischen Friedhof in Neustadt für sich reklamierte.

Die Entwicklung in Deutschland verlief allerdings anders als in Schweden und Deutschland. Bereits zu Beginn der 80er-Jahre verübten die Deutschen Aktionsgruppen, angeführt vom damals 50-jährigen Rechtsanwalt Manfred Roeder, sieben Brand- und Sprengstoffanschläge und töteten im August 1980 zwei Vietnamesen. Nur wenige Wochen später beendete eine Bombe, gelegt von einem deutschen Rechtsextremisten, beim Münchner Oktoberfest dreizehn Menschenleben und verletzte über 200. Währenddem die deutschen Behörden beim zweiten Fall - trotz mehreren gegenteiligen Indizien - von Anfang an von einem Einzeltäter ausgingen, wurde Roeder wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu 13 Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung bewegte er sich weiter im neonazistischen Milieu, insbesondere will er die baltischen Staaten durch Ansiedlung von Russlanddeutschen «regermanisieren». Gelegentlich tritt er auch als Vortragsredner auf, so im März 1998 an einem Skinhead-Treffen in Diepoldsau SG. Inzwischen sitzt Roeder allerdings wieder im Knast.

Hohe Gewaltakzeptanz
Diese unvollständigen Hinweise auf einige rechtsterroristische Organisationen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass gewaltbereite Neonazis ihre Taten meist «aktionistisch» begehen. Die Angriffe, Anschläge und Attentate werden in zufälliger Zusammensetzung beschlossen, und innert kurzer Zeit - vielfach noch am gleichen Abend - ausgeführt. Die Opfer allerdings entsprechen dem Feindbild. Es sind Juden, Schwule, Asylbewerber und Ausländer oder auch Einheimische mit dunkler Hautfarbe oder politische Gegner.

Noch nicht abschätzen lässt sich zurzeit, ob die Kameradschaft Süd, deren Mitglieder offenbar Attentate auf jüdische Einrichtungen in München und gegen linke Politiker planten, bereits terroristische Strukturen aufgebaut hatte. In der Skinhead-Szene waren zwar bereits vor vier Jahren einzelne Aufrufe zum Abtauchen in den «Untergrund» erschienen. Bis anhin schien es, dass diesen Aufrufen keine Taten gefolgt sind.

Die hohe Gewaltakzeptanz der Neonazi-Szene zeigt sich in der Verherrlichung, die Täter geniessen. Auch in der Schweiz. Nur ein Beispiel: Nachdem am11. Juni 2001 Timothy McVeigh, verantwortlich für den Bombenanschlag in Oklahoma, von US-Behörden hingerichtet wurde, bezeichnete die Sektion Romandie von Blood and Honour den 160-fachen Mörder als «einen unserer grössten Krieger, der uns von ZOG weggenommen worden ist». ZOG ist eine unter Rechtsextremisten verbreitete Abkürzung und bedeutet Zionist Occupation Government und meint so viel wie «Judenregierung».