Sicher weiss man bis anhin nur: In Lugano warfen Unbekannte (oder war es nur einer?) vergangenen Sonntagabend eine Flasche mit Brandbeschleuniger in den Innenraum der Synagoge, weiter zündeten sie ein Kleidergeschäft an, das einer bekannten jüdischen Familie gehört. Der Brandanschlag gegen die Synagoge ist in dieser Dimension einmalig in der Schweiz. Ein schneller, möglicherweise unvollständiger Blick ins Archiv ergibt: Im Dezember 1936 warfen Mitglieder der Nationalen Front eine Petarde gegen die Zürcher Synagoge und verursachten grossen Sachschaden. Im Juli 1933 – zur Zeit des braunen Frontenfrühlings – drang ein junger Mann in die Luzerner Synagoge ein und schlug dort alles kurz und klein. Jüdische Einrichtungen – auch Synagogen – waren in den vergangenen Jahrzehnten gelegentlich das Ziel von Steinwürfen (eingeschlagene Fenster) oder von Sprayereien. Im Juli 1996 beispielsweise auch in Lugano, wo Unbekannte Hakenkreuze und die Parole «Juden raus» anbrachten. Anfang der neunziger Jahre wurden auch mehrmals die jüdischen Friedhöfe von Baden, Bern und Zürich geschändet. Antisemitismus ist in der Schweizer Gesellschaft eine Konstante, doch bleibt er meist im latenten Stadium.
Zurück nach Lugano. Der oder die Täter sind – wie bereits erwähnt – noch nicht ermittelt, so dass ein seriöser Beobachter über die genauen Tatmotive nur spekulieren kann. Antisemitismus ist zwar höchst wahrscheinlich. Nur, wer sind die Täter? Rechtsextremisten, Islamisten, Palästinenser, Linksextreme, Israel-Kritiker? Oder vielleicht gar ein Atheist, dem jeder Glauben und jeder Gläubige ein Greuel ist? Trotz dieser Unsicherheiten haben bereits einige Exponenten des öffentlichen Lebens ihre vermeintlichen Gewissheiten auf den Medienmarkt getragen. Ohne weitere Begründung meint Elio Bollag, FDP-Gemeindeparlamentarier und Sprecher der jüdischen Gemeinde Lugano, in der «Berner Zeitung», hinter dem Anschlag stecke ein «Antisemitismus jener Linken, die uns nicht gefällt». Will der FDP-Politiker damit sagen, dass das Schlechte immer nur von Linken kommen kann? Zumindest bis zum Beweis des Gegenteils?
Erstaunlich unfundiert auch die Aussage des Tessiner Ständerats Dick Marty (FDP). Es würde ihn, so erklärt er gegenüber dem «Blick», «sehr wundern», wenn die Täter Tessiner wären. Ist eine solche Aussage einfach nur Verdrängung? Oder doch der bewusste Versuch, die kantonseigenen Diskriminierungswilligen zum vornherein zu entlasten? Wie dem auch sei, fast zutreffend ist Martys Einschätzung, dass es im Tessin «noch nie gewaltsame Übergriffe auf jüdische Einrichtungen» gegeben habe. Ganz daneben liegt der einstige Staatsanwalt Marty jedoch bei der Behauptung, dass im Tessin nie Übergriffe gegen Asylbewerber-Zentren – «wie sie in der deutschen Schweiz immer wieder vorkommen» – zu beklagen gewesen seien. Fakt ist, auch im Tessin wurden in den neunziger Jahren Unterkünfte für Asylbewerber mehrfach angegriffen, auch mit Sprengsätzen. Vor allem aber wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Wohnwagen von Fahrenden attackiert, gelegentlich auch beschossen.
Der Antisemitismus habe «zugenommen», erklärt wieder einmal Alfred Donath, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Am häufigsten seien die Angriffe in der französischen Schweiz. Wie dem auch sei, im Tessin, so bestätigten mehrere Jüdinnen und Juden gegenüber Medienschaffenden, ist von Antisemitismus in der vergangenen Zeit nichts zu spüren gewesen. So bleibt bis auf Weiteres nur die beunruhigende Feststellung: Die Synagoge und das Geschäft einer jüdischen Familie sind verwüstet, doch vorerst gibt es keine Gewissheiten, nur Mutmassungen über Mutmassungen über Mutmassungen. Und die Gewissheit, dass Intoleranz gegenüber Minderheiten und Religionen täglich bekämpft werden muss. Am wirksamsten mit faktengestützten Argumenten.