Zum internationalen Tag gegen Rassismus sind auch dieses Jahr mehrere Berichte erschienen. Sie erreichen öffentliche Aufmerksamkeit, doch eine kritischere Auseinandersetzung findet kaum statt. Eine Analyse.
In den Tagen vor dem internationalen Tag gegen Rassismus sind jene drei Berichte erschienen, die sich mit der Beobachtung der rassistischen beziehungsweise antisemitischen Vorfälle in der Schweiz (Westschweiz) befassen. Der Antisemitismusbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA), weiter die Chronologie «Rassismus in der Schweiz», herausgegeben von der GRA, dazu noch der Rapport über den Antisemitismus in der Westschweiz, verantwortet von der Coordination intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation (CICAD), die sich sowohl mit Antisemitismus-Beobachtung wie auch der Israel stützenden Berichterstattung über den Nahen Osten beschäftigt (vgl. tachles 12/13).
Die Chronologie «Rassismus in der Schweiz» verzeichnet für 2012 aktuell 80 Vorfälle, diese Zahl wird jedoch in den kommenden Wochen steigen, da viele Vorfälle erst später öffentlich werden. Manchmal ja erst Jahre später. Ein aktuelles Beispiel: Anfang Mai 2008 brannte in Langnau a. A. ein Gebäude nieder. Brandstiftung stand als Tatursache im Vordergrund. Erst die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Horgen brachte im März 2013 die Gewissheit, dass es sich um einen gezielten Angriff von Rechtsextremen auf einen türkischen Wirt handelte.
Insgesamt hält die Chronologie fest, dass es auch im Jahr 2012 in erster Linie die muslimische Gemeinschaft war, die Diffamierungen und Anfeindungen ausgesetzt war. Meist sind es Exponenten des nationalkonservativen Milieus, die sich mit diskreditierenden Bemerkungen und Vorschlägen profilieren. Und weiter: Im Umgang mit der Polizei sehen sich junge Männer schwarzer Hautfarbe – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – überdurchschnittlich demütigendem Verhalten ausgesetzt.
Weniger antisemitische Vorfälle
Die verschiedenen Berichte führen auch dieses Jahr wieder zu Verwirrungen um die Wahrnehmung des Antisemitismus in der Schweiz. «Weniger antisemitische Vorfälle in der Schweiz», titelten Schweizer Medien, gestützt auf den SIG-/GRA-Bericht. Gerade noch 25 Ereignisse, elf weniger als im Vorjahr. Allerdings: diese Zahlen berücksichtigen nur die Deutschschweiz. Auch berichteten die Medien, dass im Jahr 2012 antisemitischeÄusserungen im Internet nicht mehr gezählt worden seien. Aber auch diesgilt nur für die Deutschschweiz. Denn Tage später publiziert die CIDAD, für die (bevölkerungsschwächere) Westschweiz viel höhere Zahlen. 87 Vorfälle zählt sie, davon der grösste Teil Botschaften im Internet. Als gravierendsten Fall schildert die CICAD einen Vorfall vom Januar 2012. Bei einem Vortrag an der Genfer Universität bedrängt Mann einen anderen Mann handgreiflich, beschimpft ihn, er sei «Jude» und müsse den Ort sofort verlassen. Das Ereignis soll, so schreibt die CICAD, im Beisein eines Hamas-Sprechers vorgefallen sein. Warum dessen Anwesenheit erwähnenswert ist, lässt die CICAD offen. Immerhin ein erfreuliches Zwischenfazit lässt sich ziehen: Die Zahl der erfassten antisemitischen Vorfälle ist in den beiden Sprachregionen im Verhältnis zum Vorjahr gesunken.
Rechtsextremismus ausgeblendet
Auch dieses Jahr sind die CICAD-Angaben mit Vorsicht zu betrachten. Die CICAD greift auch wieder auf ihre innovativen Zählmethoden zurück (tachles berichtete). Ende April 2012 sprayten Unbekannte drei Hakenkreuze in unmittelbarer Nähe von jüdischen Einrichtungen. Die CICAD macht daraus zwei Vorfälle, wohl weil zwei Gebäude versprayt worden sind. Von grösserer Bedeutung eine weitere Beobachtung: Von den 87 erfassten Vorfällen stammen 19 aus der gleichen Quelle, dem Blog des Journalisten Frank Brunner. Unter dem Titel «Die jüdische Lobby» unterstützt er Holocaust-Leugner und kommentiert mit grobschlächtigen antisemitischen Äusserungen die Auseinandersetzungen zwischen Israeli und Palästinensern.
Der CICAD-Bericht ist einerseits alarmistisch, andererseits konzentriert er sich auf die Westschweizer Reaktionen auf den Konflikt im Nahen Osten. Er blendet aber den traditionellen Westschweizer Rechtsextremisten auch dieses Jahr nahezu vollständig aus. Zwar nicht den subkulturellen Neofaschismus von Gruppen wie Genève Non Conforme. Aber auch dieses Jahr kein Wort über die Holocaust-Leugner René-Louis Berclaz, Gaston-Armand Amaudruz und über Mariette Paschoud. Eine offensichtliche Lücke: Berclaz betreibt seit fünf Jahren im französischsprachigen Unterwallis einen Verlag, mit dem er auch Henry Fords «Der internationale Jude» verbreitet. Regelmässig publiziert Berclaz auch massiv antisemitische Texte über die Website seines Verlages Editions de Cassandre. Seit Jahrzehnten publiziert der Lausanner Altnazi Amaudruz (Jahrgang 1920) sein rechtsextremistisches Heft «Courrier du Continent», ebenfalls regelmässig mit antisemitischen Anspielungen. Mariette Paschoud verfasst für ihre Postille «Le pamphlet» regelmässig eine Kolumne, in der sie Holocaust-Leugner unterstützt.