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Es gibt Freiheitsrechte und demokratische Spielregeln, die nicht verhandelbar sind. In dieser Grundhaltung lebt und politisiert Hans Stutz. Aus dieser Grundhaltung schreibt er. Ihn interessieren Brüche in und mit der Gesellschaft. Davon zeugen schon seine frühen journalistischen Arbeiten für Luzerner Regional-zeitungen, namentlich seine Berichte unter der Rubrik "Menschen vor Gericht", die Mitte der achtziger, anfangs der vergangenen neunziger Jahre in den noch existierenden "Luzerner Neuesten Nachrichten" erschienen. Das war auch die Zeit, in der sich die Leserinnen und Leser samstags noch auf das "Magazin" des Zürcher "Tages-Anzeigers" stürzten, dieses von hinten aufschlugen und zum Frühstück als Erstes den "wahren Krimi" lasen. Auf einer Seite erzählte Hans Stutz jeweils eine Kriminalgeschichte nach; als erste jene des legendären Verbrecherduos Schürmann und Deubelbeiss, welches 1951 einen Privatbankier umgebracht hatte. Gegen Schluss hält der Autor fest: "Zwei Einzelgänger hatten sich gefunden, wollten eine Partei gründen und für eine gerechte Welt kämpfen." Nicht dass er damit die Tat gebilligt hätte.

Hans Stutz wollte und will in seinen Texten einfach bewusst jedes Psychologisieren vermeiden. Als Erzähler, Chronist und Journalist fällt er deutlich aus dem Muster der Betroffenheitsschreibe. Hans Stutz macht auch keine Anleihen an die Rhetorik der Empörung - ausser es handle sich um ein Zitat. Je abscheulicher die Geschehnisse sind, die seinen Berichten zugrunde liegen, desto distanzierter wählt er seine Worte. Sich eng an die Fakten haltend schildert Hans Stutz beispielsweise in seinem Buch "Der Judenmord von Payerne" den Tathergang, den Verlauf des Prozesses gegen die Mittäter und später auch gegen einen Anstifter. Er hat erstmals Einblick in die Gerichtsakten gehabt im Mordfall Arthur Bloch, 1942. Diesen Akten lassen sich nicht nur haarkleine Details über die einzelnen Tatbeiträge entnehmen, sie erhellen auch die Beweggründe, wenngleich Gericht und Öffentlichkeit seinerzeit bestrebt waren, Antisemitismus als Tatmotiv auszublenden. So antwortet einer der Beteiligten auf die Frage, aus welchem Grund er Arthur Bloch in die Schläfe geschossen habe, gleichsam beiläufig: "Der Hass, den ich gegen die Juden hatte. Man muss einen töten, um den andern Angst zu machen." Es fügt sich Aussage zu Dokument und Dokument zu Hintergrundinformation, etwa zu den wiederholt antisemitischen Ausfällen aus den Reihen der Ligue vaudoise oder zum berüchtigten Empfang, den Bundespräsident Pilez-Golaz 1940 den Frontistenführern bereitete. Hans Stutz nennt nicht nur die Gefolgsleute, sondern auch die Hintermänner und deren Umfeld; er erwähnt die Pressezensur, welche die Redaktionen anwies, auf die Darstellung der politischen Tatmotive zu verzichten. Die Leserinnen und Leser kommen nicht umhin, die dergestalt nachgezeichnete Wirklichkeit eines Stücks schweizerischen Antisemitismus zur Kenntnis zu nehmen: "Arthur Bloch wurde ermordet, weil er Jude war [...]. Ein politischer Mord, der das Fanal für eine weit reichende ‚Abrechnung' mit den Juden in der Schweiz nach deutschem Vorbild werden sollte." (Der Judenmord von Payerne, Klappentext)

Hans Stutz holt die Vergangenheit in die Gegenwart, schon rein sprachlich, indem er die damaligen Ereignisse im Präsens schildert. Genau dieser Bezug stösst manchen sauer auf und sie verschliessen sich dem Gespräch mit ihm oder verhindern ihm den Zugang zu Quellen. Hans Stutz verfügt über die Hartnäckigkeit und Ausdauer, um trotz solcher Unbilden am Ball zu bleiben. Im Gegenteil: Gesprächsverweigerung und Schönreden fordern ihn heraus, zu weiteren kritischen Fragen und Recherchen. Ohne diese Eigenschaft wäre das Buch "Frontisten und Nationalsozialisten in Luzern, 1933 - 1945" nie erschienen. Gepaart mit Gelassenheit - und nicht etwa mit Verbissenheit - registrierte er die Hindernisse, welche ihm die Hüter öffentlicher Archive und Behördenvertreter während sechs Jahren in den Weg gestellt hatten. Dies obwohl die Stadt Luzern sein Auftraggeber war und eigentlich bevor seine Nachforschungen im Herbst 1989 überhaupt begonnen hatten. Ein Wort in einem Vorgespräch genügte. "Austrofaschismus", beschied ihm der Luzerner Staatsarchivar, sei ein linker Begriff - und weiter: "Zuerst müsse ich beweisen, dass ich des Vertrauens würdig sei, meint der Staatsarchivar, und ich weiss: habe die Prüfung nicht bestanden." ("Aber doch nicht der Stutz", in: Die WochenZeitung WoZ vom 10. Mai 1996)

Informelle Absprachen gibt es für Hans Stutz bei der Auswertung von Quellen keine. Er nennt die rechtsextremistisch, rassistisch oder antisemitisch Handelnden beim Namen, sofern sie öffentlich als Vertreter einer einschlägigen Organisation auftreten. Er ist kein Denunziant. Er nennt Ross und Reiter, Handlung und Ideologie. Die Erfahrung zeigt, dass weder die Betroffenen noch deren politisches Umfeld diese Art der zeitgenössischen Geschichtsschreibung und Berichterstattung lieben. Und es ist vor-gekommen, dass ein Konzert von Nazi-Skins nicht hat stattfinden können, weil Hans Hans Stutz in der Presse vorgängig über dieses Vorhaben informierte, oder dass aus demselben Grund eine Homepage rassistischen oder antisemitischen Inhalts vom Netz genommen worden ist.

Dem war nicht immer so. Zu den Anfangszeiten der Chronologie über rassistische Vorfälle in der Schweiz, welche die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) seit 1991 jährlich herausgeben, hiess es: In diesem Land gibt es keinen Rechtsextremismus und Rassismus. Das Thema ist mediengemacht, wie das Waldsterben, welches angesichts einzelner kranker Bäume herbeigeredet wird. Wer nicht hat hinschauen wollen, kann heute die Augen nicht mehr verschliessen. Dies ist der Erfolg der Chronologie, welche Hans Stutz seit 1994 nachführt und zu der er eine immer ausführlichere Einschätzung der verschiedenen Szenen rechtsextremen, rassistischen und antisemitischen Gepräges mitliefert.

Vor diesem Hintergrund sind solche Handlungen nicht als Taten isolierter Spinner einzuordnen, sondern politisch ernst zu nehmen, als Zeichen der Brüche in und mit der Gesellschaft. Deshalb können die Medien nicht genügend über rechtsextremistische, rassistische und antisemitische Vorkommnisse berichten. Sie müssen ihr Wächteramt wahrnehmen und Öffentlichkeit herstellen, in der analytischen und kritischen Art und Weise, wie Hans Stutz dies tut. Dadurch wird zwar kein Rechtsextremist und kein Antisemit belehrt, und schon gar nicht bekehrt, aber sie werden fassbarer. Bekämpfen lässt sich nur, wen oder was man kennt. Und deshalb schreibt und politisiert Hans Stutz gegen jede Art von Diskriminierung und Angriffen auf die menschliche Würde und er setzt sich ein für grösst mögliche Transparenz staatlichen Handelns - im Sinne von Freiheitsrechten und demokratischen Spielregeln, die nicht verhandelbar sind.