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Sie sind jung, rechtsextrem und ebenso bieder wie von Fall zu Fall gewalttätig: die schweizerischen Skinheads.

Im Herbst 1995 überfielen die Hammerskins eine antifaschistische Konzertveranstaltung in Hochdorf, was zu einer ausgedehnten Strafuntersuchung der Luzerner Polizei führte. Die WoZ hatte Gelegenheit, die Akten zu studieren, und wirft einen Blick auf Strukturen, politische und persönliche Hintergründe der Szene.

"Solche Aktionen nützen uns nichts. Das Volk verachtet uns nur noch mehr, und wir unterstreichen noch den schlechten Ruf, den wir schon haben". Mit dieser zutreffenden Einschätzung verteidigte sich beim Verhör ein Skinhead gegen den Vorwurf am gewalttätigen Angriff in Hochdorf beteiligt gewesen zu sein. Kurze Zeit später gab er zu, mit über fünfzig anderen Deutschschweizer Glatzen den schlechten Ruf weiter gemehrt zu haben.

Am Samstag, den 4. November 1995 überfielen 56 Skinheads, die meisten vermummt, viele bewaffnet mit Baseballschläger, Gummiknüppel oder Holzstangen, einige aufgerüstet mit Eisenstangen oder Ketten, in Hochdorf/Kanton Luzern ein "Festival für Völkerfreundschaft", das von der Antifaschistischen Aktion Luzern veranstaltet worden war. Der Angriff dauerte wenige Minuten. Die Angreifer verletzten mehrere BesucherInnen, zerstören die Musikanlagen und einiges Mobiliar. Sachschaden rund 17'000 Franken. Die Angreifer erhielten noch Monate später Lob von Gesinnungskameraden. "Hass Attacke", das Zine (wie Zeitschriften in der Skinszene genannt werden) der sächsischen Hammerskins meldete: "In der Schweiz haben vierzig Hammerskins ein Antifakonzert attackiert. Weiter so!! Allerdings hatte die Aktion auch schlechte Konsequenzen nach sich gezogen, sprich ‚Hausdurchsuchungen? usw."

Diese Konsequenzen erfolgten in der Tat schnell, obwohl der Pressesprecher der Luzerner Kantonspolizei zuerst den Angriff als verharmloste. Zwei Tage nach dem Ueberfall klotzte die Luzerner Polizei, die Regierungsrat Ulrich Fässler (FDP), auch Mitglied der begleitenden Staatsschutz-Kommission, unterstellt ist. Fässler wollte offensichtlich die gebotene Wachsamkeit gegen rechts demonstrieren. Die Luzerner Polizei nahm etliche Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vor und führte Einvernahmen bei rund 75 Skinheads beziehungsweise deren Partnerinnen durch.

Vier Wochen später war ihr die Identität aller 56 Angreifer bekannt. Zum Fahndungserfolg beigetragen haben vor allem die detaillierten Aussagen einiger führender Hammer-Skins.

Nach dem Fahnungserfolg benützte Fässler die Gelegenheit, um Stimmung für den präventiven Staatsschutz zu machen. Dabei überging er die Tatsache, dass die Schweizerischen Hammer-Skins (SHS) - Motto:"Kampf für Rasse und Nation" - schon vorher auf der Beobachtungsliste der Staatsschützer figuriert hatten, und doch hatte die Schnüffelpolizei nichts vom Angriff gewusst. Dafür erntete sie in der Öffentlichkeit die Lorbeeren, welche der ermittelnden Polizei zustehen: Die im Mai 1996 von der Bundespolizei veröffentlichte Dokumentation "Skinheads in der Schweiz" stützt sich weitgehend auf Material, das bei Hausdurchsuchungen nach dem Hochdorfer Überfall sichergestellt wurde. Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen auch - gestützt auf den Bundesratsbeschluss betreffend staatsgefährlicher Propagandamaterial - durch Einziehung ihre Sammlung rechtsextremer Devotionalien inzwischen mit SS-Fahnen und Hakenkreuzfahnen, sowie viel nazistischem Propgandamaterial erweitert.

 

Stolz, Arbeiter zu sein
Zu den bereits abgeschlossenen Verfahren (siehe Kasten) gibt es über achthundert Seiten Akten. Die Durchsicht dieser Akten ermöglicht eine genaue Übersicht über die Deutschschweizer Glatzenszene.

Mit einer Ausnahme sind sie alle Verurteilten ledig, viele leben noch bei ihren Eltern, nur wenige wohnen mit einer Freundin zusammen. Zwiespältiges Idyll in der Familienstube des einzigen Verheirateten und Vater zweier Kinder, auch Mitglied des SHS-Vorstandes: Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei im Stubenbuffet eine Handgranate. Immerhin nur eine Attrappe ohne Zünder. "Meine Frau steht hundertprozentig hinter mir. Sie hat mir nie Vorwürfe gemacht", erklärte der Familienvater. Kein Wunder: Sie sitzt ebenfalls im SHS-Vorstand. Am Abend des Angriffes herrschten klare Aufgabenteilung: "Sie war zu Hause und betreute die Kinder". Der SBB-Angestellte war im November 1995 von der SBB-Kreisdirektion II vorläufig vom Dienst enthoben worden. Die Frage, ob der SBB-Angestellte inzwischen entlassen worden ist, will der Sprecher der SBB-Kreisdirektion II unter Berufung auf das Datenschutzgesetz nicht beantworten.

Die Angreifer leben in den Kantonen Zürich, Thurgau, St. Gallen, Luzern, Solothurn, Aargau und Basel-Stadt, wohnen meist in ländlicher oder kleinstädtischer Umgebung. Ein einziger Angreifer ist Gymnasiast, einer Handelschüler (beide Jahrgang 1977), einer war Krankenpfleger, die restlichen Angreifer sind in handwerklichen Berufen tätig, Mechaniker, Monteur, Landwirt, Bauspengler, Maler, Landschaftsgärtner und ähnliche Berufe, ihrem Alter entsprechend sind viele noch Lehrlinge. Nur wenige waren arbeitslos. "Jeder von uns ist sich bewusst, dass wir aus der Arbeiterklasse kommen. Jeder ist stolz, Arbeiter zu sein und vor allem Arbeit zu haben", umschrieb ein Skin sein politisches Bewusstsein.

Dreizehn von 56 Angreifer, fast ein Viertel also, hatte zum Zeitpunkt des Angriffes das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet, über die Hälfte der Angreifer den 20. Geburtstag noch nicht gefeiert. Nur wenige waren älter als 25 Jahre alt. Die meisten Angreifer sind gemäss Angaben des zuständigen Amtsstatthalters Thomas Willi nicht vorbestraft - in Anbetracht des jugendlichen Alters keine Ueberraschung. Trotzdem: Einige der Hochdorfer Angreifer besitzen einschlägige Vorstrafen. Ein Thurgauer Skin (Jahrgang 1972) war im Oktober 1990 mitbeteiligt bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Weinfelden. Ein Mechaniker aus dem Kanton Luzern (Jahrgang 1973), gemäss eigenen Angaben SHS-Mitglied seit 1993, war im Juni 1994 unter jenen drei Männern, die in Nottwil/LU zuerst drei Tamilen anpöbelten, anschliessend zwei von ihnen niederschlugen. Der zuständige Amtsstatthalter von Sursee hatte im Oktober 1994 noch festgehalten, eine Zugehörigkeit der drei Angreifer zu einer rechtsextremen Gruppierung lasse sich nicht nachweisen. Heute lässt sie sich. Ein Berner Skin war am 22. April 1994 beteiligt, als Skinheads in Ittigen einen Asylsuchenden niederschlugen.

 

Motiv: Zerkratzter Amerikanerwagen
Liest man die Antworten auf die Fragen nach ihren Motiven meint man, die Hammerskins stottern zu hören. "Das Ziel ist, dass es keine ‚Nigger' mehr gibt. Im Moment gibt es keine klaren Vorstellungen darüber, wie das Ziel erreicht werden kann. Wir sind im Moment zu wenig Leute, dass man etwas machen kann", erklärt ein Berufsloser, Jahrgang 1977, wohnhaft im Kanton Zürich. Einzelne Verhörprotokolle wecken allerdings auch Zweifel an den sprachlichen Fähigkeiten der protokollierenden Beamten: "Aktivitäten haben wir mehrheitlich ein ‚Saufgelage'." Der Rest ist rassistischer Klartext: "Ziel und Zweck unserer Organisation sind, Reinheit der weissen Rasse, gegen die Drogen und gegen Ausländer, die sich nicht anpassen und nur Gewalt verbreiten". Der so spricht, hat Jahrgang 1976 und ist Schweizer Hammer-Skinhead. "Das Ziel ist die Freiheit von uns Schweizern und die Schweiz vom Schmutz zu befreien. Keine Drogensüchtigen, keine Dealer und keine solche Leute, die in der Schweiz wohnen und aufwachsen und sozusagen von der Schweiz profitieren und trotzdem über mein Heimatland spotten. Und die totale Ueberfremdung zu stoppen. Dies alles sind meine Ideale", sagt ein Elektromonteur, Jahrgang 1976 und Hammer-Skin. SHS-Ziel sei es, erklärt ein Metzger (Jahrgang 1977), die Gesellschaft wachzurütteln. "Wenn es so weiter geht, geht es nicht mehr lange, bis wir Schweizer gar nichts mehr zu sagen haben." Der Hass gegen Linke war das auslösende Motiv zum Angriff auf das "Festival für Völkerfreundschaft".

 

Verhinderte Geschichtslektionen
Die einvernommenen Skins lieben es, ihre Motive zu verharmlosen und sich als Opfer zu sehen. Nehmen wir einen den ältesten Angreifer. Jahrgang 1963. Wohnhaft im Kanton Luzern. Ohne abgeschlossene Berufslehre, arbeitet er in der Administration eines Kleinbetriebes. Nennt sich "EDV-Operator". Er verneint eine politische Motivation, besuchte aber im Herbst 1995 mehrere Schulungskurse der SHS-AO, der "Aufbauorganisation" der Skins. Befragt zum Motiv spricht er von seinem Amerikanerwagen, der öfters beschädigt oder zerkratzt worden sei, "nur weil ich ein Nummernschild mit einem Schweizer Kreuz unter der Windschutzschreibe eingeklemmt hatte.» Er behauptet, er habe auch schon gesehen, "dass es Langhaarige waren, die mein Fahrzeug beschädigten". Sonst verbreitet er fremdenfeindliche Versatzstücke wie vom Stammtisch: "Die Schweiz ist bald nicht mehr eine Schweiz, sie ist ein Vielvölkerstaat." Und selbstverständlich ist er der absurden Meinung, "dass die Jugoslawen uns Schweizer ausnützen".

Die SHS, gegründet im Winter 1990/1, gab sich einen Vorstand, der im Herbst 1995 aus zehn Personen bestand. Darunter drei Frauen, die alle mit einem weiteren Vorstandsmitglied befreundet bzw. verheiratet sind. Für vollständige Gleichberechtigung sind die Skins auch wieder nicht: "Die Männer haben gesagt, dass bei dieser Aktion keine Frauen dabei sein dürfen." Die Mehrheit des Vorstandes stammt aus der Region Luzern. Ziel des Vorstandes sei es gewesen, erklärte ein Vorstandsmitglied, "den jungen Mitgliedern klar machen versuchen, sich mehr für die Politik zu interessieren und auf vernüftigem Wege etwas zu erreichen.» Zu den Aktivitäten gehörte die Herausgabe des "Hammer", der "Patriotischen Zeitschrift der Schweizer Hammeskins", deren bis anhin letzte Nummer anlässlich der SHS-Sommerparty 1995 in Schönenwerd verteilt wurde. Zur Senkung der Kosten benützte man die Infrastruktur eines Staatsbetriebes: "Gedruckt wurde bis vor kurzem bei den PTT", erklärte ein Vorstandsmitglied, das kurz zuvor seine Stelle bei der Post aufgegeben hatte. Einen eigenen Vorstand hatte die SHS-Aufbauorganisation (SHS-AO), vier Männer, dabei besonders aktiv Pascal Lobsiger aus Weinfelden (heute Bern), der an der als "Blocher-Demo" bekannten SVP-Kundgebung "Ja zur Schweiz" vom 23. September 1995 in Zürich als Steinewerfer hervorgetreten ist.

Die SHS beanspruchten die Führungsrolle innerhalb der Schweizer Glatzenszene. Die SHS-AO sollte den Nachwuchs den erwünschten geistigen Schliff beibringen. Das Ergebnis war wenig rühmlich, Suff oder Schulung das Dilemma. Im November 1994 beispielsweise wurden die zur Geschichtsstunde ("Die Helvetier") geladen. In der Einladung ein Rückblick auf das vergangene Treffen, über das es "nicht viel" zu berichten gab, "ausser das neben einigen Betrunkenen noch verschiedene unerledigte Pendenzen liegenblieben." Bei solch unzügelbarem Drang nach Bier helfen nur noch fromme Wünsche: "Unsere Organisation muss versuchen sich zu festigen; und das kann nur geschehen, wenn auch ihr einmal Disziplin, Einsatz und kameradschaftliches Verhalten dem Saufen vorzieht!"

In Uniform fühlen sich Skinheads gemeinhin wohl: Einige der Rechtsextreme begannen eine militärische Karriere und absolvierten die Unteroffiziersschule, wobei offenbar ihre Gesinnung kein Hindernis war. Ein führendes Mitglied der Rechtsfront (RFO), das sich im Verhör seiner weltweiten Beziehungen zu Rechtsextremen rühmt, verweist im Schlussverhör ungefragt auf die inzwischen abgeschlossene PAL-Unteroffiziersschule. Während andere führende Mitglieder beteuern die SHS-Organisation aufgelöst zu haben, erklärt der Korporal der Schweizer Armee im September 1996: "Ich bin Mitglied bei den Hammerskinheads. Ich bin Gruppenführer der Aufbauorganisation."

 

Der Skinhead im Ausschaffungsgefängnis
Er habe "eine nationalsozialistsiche Weltanschauung» erklärt ein Automonteur aus dem Kanton Zürich, ebenfalls Korporal der Schweizer Armee. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei eindeutig politiisches Material aus der Küche des US-Amerikaners Gary Lauck und seiner NSDAP-AO, deren Ziel die Wiederzulassung der NSDAP ist. Die Adresse zum Bezug der NSDAP-AO-Materialien hat der Automonteur, gemäss seiner Aussage, von Pascal Lobsiger erhalten. Beteiligt war der Korporal auch an einer Hakenkreuz-Schmieraktion zur Feier von Adolfs Geburtstag, begangen in Brunau/Oesterreich, dem Geburtsort des "Führers".

Der Korporal liebt wohl Uniformen speziell. Nach der Unteroffiziersschule arbeitete für die Securitas im Ordnungsdienst. Meistens im Rückführungszentrum Zürich, im Ausschaffungsgefängnis Waid, in diversen Kontakt- und Anlaufstellen und im Provisorischen Polizeigefängnis. "Ich hatte hier wieder Streit mit der Chefetage. Es hiess, ich könnte diesen Job nicht mit meiner politischen Einstellung vereinbaren". Der junge Nazi musste daraufhin eine neue Stelle suchen. Anlässlich der Hausdurchsuchung bei einem dritten Unteroffizier, aus dem Kanton St. Gallen, fand die Polizei neben SS- und Hakenkreuzfahne, Hakenkreuzen und einem Parteibuch NSDAP auch entwendetes Militärmaterial.

 

Ehret einheimisches Gebräu
Die SHS haben seit ihrer Gründung die Führung innerhalb der Schweizer Glatzen beansprucht. In ihrem Schatten entstanden in der Deutschschweiz mehrere lokale Grupppen rechtsextremistischer junger Männer. Unweit des Ortes, wo gemäss patriotischen Sagen ein Mann namens Winkelried sich für das Vaterland geopfert haben soll, indem er sich in habsburgische Sperre warf, gründeten am 24. April 1993 junge Männer aus Sempach und Umgebung die "Gruppe Morgenstern". Im Februar 1996 zählten sie, gemäss einer internen Liste, siebzehn Voll- und drei Probemitglieder. Einer im aargauischen Freiamt, die anderen in der Umgebung von Sempach wohnhaft. Die Morgensternler gaben sich noch nach dem Hochdorfer Ueberfall Statuten. Morgenstern sei eine "patriotische Jugendorganisation" steht im Zweckartikel. Es sei "eine Vereinigung von jungen Leuten, die gegen den hohen Ausländeranteil und gegen Drogen sind", umschrieb das aktivste Mitglied die Ideologie. Nur: der junge Landwirt liess sich mehrmals beim Hitlergruss abbilden.

Mitglieder können nur Schweizer Bürger werden, die älter als 15 Jahre sind. Erstaunlicherweise denkt mann auch an die Frauen: "Mit Anreden wie ‚Bürger, Mitglieder ... etc.' ist natürlich auch die weibliche Form ‚Bürgerin ... etc. gemeint." Schon bei der Gründung regelte man auch die Verteilung des "Gruppenvermögen" bei einer allfälligen Auflösung. Die Hälfte erhalte das Tell-Museum in Bürglen geschenkt. Je einen Achtel bekommen die Schweizer Hammer-Skinheads, die Schweizer Demokraten Innerschweiz, die noch verbliebenen Mitglieder und den letzten Achtel "spenden wir der Brauerei Eichhof in Luzern." Proscht! Damit Schweizer Bier für Schweizer Kehlen nicht so schnell ausgeht.

Von den politischen Parteien bevorzugen die Morgensternler die Schweizer Demokraten. "Zuneigung" habe er zu den Schweizer Demokraten, erklärt ein Sanitärmonteur (Jahrgang 1977). Der aktivste Morgensternler, ein Landwirt (Jahrgang 1976), auch gelegentlicher Teilnehmer von SHS-AO-Schulungskursen ist Gründungsmitglied der Sektion Luzern der Jungen Schweizer Demokraten: "Politisch bin ich der JSD angeschlossen. Ich bin im Vorstand als Beisitzer." Wer hat da etwas von braunen Flecken auf der SD-Weste gesagt. Wieder einmal ein brauner Flecken auf der SD-Weste.

Auch die Ostschweizer Skinheads gaben sich Statuten. "Patriotischer Ostflügel" nennt sich ihre Organisation, mit Vorstand, Kasssier und monatlicher "Vollversammlung". Die Ostflügler sind gegen "Multikultur, Asylmissbrauch, die Integration von Ausländern". Die Ostschweizer Rechtsextremisten sind weiterhin aktiv. In den vergangenen Wochen haben P.O.F.-Aktivisten im Thurgau Plakate geklebt.

Weder Vorstand noch Strukturen geschaffen haben die Skins der Berner Vorortsgemeinden. Sie nennen sich "Organisation Bern": "Beitreten können nur Schweizer, die rechts denken. Wir würden auch Hooligans aufnhemen, wenn sie unserer Gesinnung entsprechen würden", so ein Mitglied.

Der Strafverfolgungsdruck hat die Strukturen der Schweizer Hammer-Skinheads offensichtlich geschwächt. Nachweisbar ist jedoch, dass auch im vergangenen Jahr, nach dem Überfall in Hochdorf, Szenemitglieder durch Angriffe auf missliebige Personen aufgefallen sind; einige organisierte Skin-Aktivitäten lassen sich nachweisen. Mitte Juli 1996 wurden gegen dreissig Skins aus Österreich, Liechtenstein in Weinfelden von einem grösseren Polizeiaufgebot beim Biertrinken gestört. Die Ordnungshüter beschlagnahmten Hakenkreuzfahnen, 2000 Flugblätter und 1000 Kleber ("Hande weg von meiner Heimat"). Ein Kleber, der in verschiedenen Gegenden der Schweiz aufgetaucht ist und vom Genfer "Euronews"-Herausgeber und antisemitischen Verschwörungsphantasten Alfred Künzli vertrieben wird.

 

"Zecken von überall her"
Im Herbst 1996 ist die 5. Nummer des Zines "Berserkers", erschienen, erhältlich über ein Postfach, welches das ehemalige RMF-Mitglied Reini Fischer in Berikon AG unterhält. Das Zine, Untertitel "Das Schweizer Musikmagazin", redigiert von einem Skin mit Vornamen Adrian, berichtet vorwiegend über Musikgruppen, die zur Nazi-Rock-Szene zählen. Dazu kommen einige Berichte von Besuchen einschlägiger Skin-Konzerte und ein Szenebericht aus Sao Paulo/Brasilien: "In Brasilien gibt's hauptsächlich Rassenmischer und Schwarze, schätzungsweise um die 65 Prozent."

Nicht mehr erschienen ist das Neuenburger Zine "Mjölnir", die "Stimme der westschweizerischen Hammerskins". Ihre beiden Redaktoren wurden Ende Juni 1996 von einem Neuenburger Polizeirichter zu zwanzig Tagen Gefängnis bedingt verurteilt. In "Mjölnir" war der Holocaust geleugnet und waren Ausländer als "Ungeziefer" beschimpft worden.

Nach vielen Jahren hat die Szene wieder eine eigene Musikgruppe. In Basel haben sich drei Skins (Guido, Patrick, Jens B.) zusammengetan und unter dem Namen "Sturmtruppen Skinheads" eine CD produziert, "Basler Freunde" der Titel. Ein Versuch die CD in Basel in den Verkauf zu bringen, ist an der Aufmehrsamkeit eines Plattenhändlers gescheitert. Der mit den Texten konfrontierte Sprecher der Baselstädtischen Staatsanwaltschaft sah allerdings in den Texten keinen Verstoss gegen die Antirassismus-Strafnorm. Ein Müsterchen aus dem Leider "Sturmtruppen Skinheads": "Der Ausländer ein grosser König/ Diese Scheisse haben wir nicht mehr nötig." Und im Lied "Wir sind stolz" wird zuerst die Schweiz gepriesen, dann geschrien: "Ein Land wie dich gibt es keines mehr/ Darum kommen Zecken von überall her/ Sie nützen dich aus und sind kriminell/ Darum gehören sie raus, und zwar schnell."

Der Sturmtruppen-Wortführer Guido, inzwischen bereits dreissigjährig, ("genannt werde ich meist ‚Locke'"), war bereits beim kleinen Frontenfrühling anno 1989 dabei. Im deutschen Skin-Zine "Amok" lobt er in einem Interview Christoph Blocher als "besten Politiker, den wir zu Zeit in der Schweiz haben". Womit Blocher Lob wieder einmal Lob aus der rechtsextremen Schmuddelecke erhält.

 

In München dabei
Mindestens in Basel scheint das Skin-Leben jedoch schwer: Alles sei politischer geworden, "deshalb ist es auch nicht ungefährlich, in voller Montur rumzurennen. Wenn du als Glatze in der Stadt rumläufst, ist das Risiko der Fressen-rundum-Renovierung sehr gross!"

Geringer scheingt das Risiko im Zürcher Niederdorf, wo in den vergangenen Wochen wieder vermehrt Skins aufgetaucht sind. Zusammen mit ihren Begleiterinnen, ergötzen sie sich am Anpöbeln von Passanten, wie eine Anwohnerin beobachtet hat. Eigene politische Veranstaltungen brachten die Schweizer Rechtsextremen seit dem Überfall in Hochdorf nicht mehr zustande. Aber Deutschland ist nahe. An der grössten Neo-Nazi Demonstration seit Ende des Zweiten Weltkrieges, der von der NPD organisierten Demonstration gegen die Aussstellung "Verbrechen der Wehrmacht" vom 1. März 1997 nahm gemäss NZZ auch eine bis anhin unbekannte Schweizer Gruppe teil, die sich "Nationale Initiative Schweiz" nennt. Auf ihrem Plakat gedenken die Schweizer Neonazi ihrer rechtsextremen Ahnen, welche in der Waffen-SS dienten: "Auch unsere 800 Kriegsfreiwillige sind keine Verbrecher."

 

Stand der Verfahren
Von den 56 Tatbeteiligten hatten dreizehn Angreifer hatten zum Tatzeitpunkt ihr 18. Altersjahr noch nicht vollendet. Ihre Verfahren wurden den Jugendanwaltschaften ihrer Wohngemeinde zugewiesen. Eines dieser dreizehn Verfahren ist zwischenzeitlich dem Bezirksgericht Affolter am Albis zugewiesen worden, da der Angeschuldigte nach seinem 18. Geburtstag wieder zugeschlagen hat. Von den 43 restlichen Tätern hat das Amtsstatthalteramt Hochdorf drei Tatbeteiligte ans Kriminalgericht Luzern überwiesen, unter ihnen den Organisator des Ueberfalls (Pascal Lobsiger). Die Staatsanwaltschaft wird in naher Zukunft Anklage erheben. Die anderen vierzig Strafverfahren hat das Amtsstatthalteramt Hochdorf kostengünstig entsorgt, indem es Strafverfügungen mit bedingten Gefängnisstrafen bis zu drei Monaten inklusive Busse bis zu 500 Franken erliess. (Dazu kommen für alle Verurteilten noch mehrere hundert Franken Verfahrenskosten.) Vorteil dieses Vorgehen: Die Strafbehörden konnten sich sowohl die Arbeit wie die Kosten ausführlicher Urteilsbegründungen ersparen. Bis auf eine Ausnahme sind zwischenzeitlich alle Strafverfügungen akzeptiert worden. Dies erklärt der zuständige Amtsstatthalter-Stellvertreter Thomas Willi auf Anfrage.

 

Blocher-Demo: Skins belasten Zürcher Polizei
AugenzeugInnen hatten bereits nach der Blocher-Demo vom 23. September 1995 von einer zeitweiligen Kumpagnei zwischen Polizisten und Rechtsextremen bei den heftigen Auseinandersetzungen am Rande der Demo berichtet. Der WoZ liegen mehrere Einvernahmen von Skins vor, welche die Polizei belasten. Er habe ja nur Steine der Autonomen zurückgeworfen, berichtet ein Metzger aus dem Kanton Zürich: "Wir wurden sogar von der Polizei dazu aufgefordert". Ein Hammer-Skin aus der Stadt Zürich berichtet detaillierter: "Als dann die Polizei mit Gummischrot ausgeschossen war, riefen sie, wir sollen die Steine zurückwerfen." Ausführlich berichtet ein Tiefbau-Zeichner aus dem Kanton Zürich: "Seitens der Polizei wurden wir aufgefordert, Pflasterstein zu werfen. Dies gegen die Autonomen. Die Polizei sagten (sic!), dass sie nicht werfen dürfen. Ein Polizeibeamter lieferte uns mit einer Schubkarre auch Pflastersteine von einer Baustelle. Einzelne Polizeibeamte forderte uns auf, mit ihnen gegen die Autonomen vorzugehen. Sie sagten auch, dass die Polizei gegen diese Autonomen keine Chance haben (sic!). Ich muss auch sagen, dass die anderen Polizisten zu uns sagten, wir sollen verschwinden.» Ähnlich ein vierter Skin, ein Landmaschinenmechaniker: "Weil die Polizei gesagt hatte, dass wir die Steine zurückwerfen sollten, taten wir dies, während diese ihre Gewehre luden. Einige Polizeisten wafen ebenfalls Steine zurück, weil sie kein Gummischrot und Tränengas mehr hatten." Aufmerksam gemacht auf die Konsequenzen falscher Beschuldigungen, relativiert der Landmaschinenmechaniker: "Ich kann nicht direkt sagen, dass wir Steine werfen sollen. Als am Anfang drei Polizisten auf der Brücke standen, haben diese uns nicht verboten, die Steine zurückzuwerfen. Sie haben es geduldet." Ob Aufforderung oder doch nur Duldung, beide Vorgehensweisen sind durch kein Dienstreglement abgedeckt.