Oscar Freysinger manövrierte sich ins Abseits.
Nun tut auch Freysinger Oskar so, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. Mehreren Journalisten sandte er auf Anfragen ein SMS: "No comment. Ist mir zu blöd." Der mediengewandte Walliser SVP-Nationalrat hat die Sprache nicht verloren, weil er in der letzten CVP-Hochburg in die Kantonsregierung gewählt wurde, sondern weil er einem SRF-Reporterteam Zugang zu seinem Büro gewährt hatte. Und er zu Recht einen Empörungssturm erntete.
Die Kamera des Schweizer Fernsehen SRF erfasste eine Fahne, die beim SVP-Vizepräsidenten dekorativ an die Decke hängt: Die Reichskriegsfahne, in der Fassung von 1903. "Wilhelminisches Deutschland" erklärte der Gymnasiallehrer fachkundig und zutreffend. Oder mimte er den Fachkundigen nur und betrieb bereits beim Filmdreh politische Schadenbegrenzung? Wir wissen es nicht! Nicht wissen wollte Freysinger später die bekannte Tatsache, dass die Reichskriegsfahne seit Jahrzehnten sehr beliebt bei Rechtsextremisten ist, in Deutschland, und auch in der Schweiz.
Naivität?
Die Ausstrahlung des Filmes hat Folgen. Der langhaarige SVP-Barde erntet politischen und medialen Gegenwind der Sonderklasse. Drei Punkte verdienen nochmals Beachtung.
Erstens. Mehrere Journalisten sollen Freysingers Reichskriegsfahne schon früher bei Besuchen gesehen haben. Keiner hat deren Bedeutung erkannt. Vielen Schweizer Medienschaffenden mangelt es offenbar an Kenntnissen über die Symbole der Rechtsextremen.
Zweitens. Mehrere Kommentatoren erwähnen Freysingers Besuche bei muslimfeindlichen Organisationen, die entweder rechtsextremistisch sind (wie die französischen Identitaires) oder sich ganz Rechtsaussen bewegen (wie der Holländer Wilders oder die Deutsche Partei "Die Freiheit"). Freysingers Auftritte sind gut dokumentiert. Die Aufzeichnungen zeigen einen Politiker ohne grossen politischen Sachverstand, dem es gelingt, ein Publikum bei Laune zu halten, mit einem Mix aus Stammtisch-Weisheiten und politischem Kasperli-Theater, insgesamt eine Art von Grand Guignol.
Drittens. Ein Kommentator, der Freysingers Fahnenhissen als "naiv" abtut, meint zu wissen, dass Freysinger noch nie "echte rechtsextreme Postulate" vertreten habe. In diesem wichtigen Punkt liegt er falsch, mindestens in einem Fall. Im März 2012 reichte Freysinger im Nationalrat eine Motion ein, die eine Änderung der Rassismus-Strafnorm verlangt, so dass die Leugnung von Völkermorden nicht mehr strafbar sein soll. In der Begründung stützt er sich eine Argumentationsschiene, wie sie seit Längerem und ausschliesslich von Holocaust-Leugnern vorgetragen wird (vgl. Tachles, 1. März 2013).
Eine Linie überschritten
Fazit: Ein Mediengewandter meldet sich ab. Warum nur? Der Nationalkonservative Freysinger muss bemerkt haben, dass er eine Linie überschritten hat. Schweizer Nationalismus, wie er von vielen Nationalkonservativen seit Jahrzehnten vertreten wird, beinhaltet zwar auch Diskreditierung, Diffamierung und Diskriminierung von (wechselnden) Minderheiten, doch besteht er ebenso auf die Abgrenzung von nationalsozialistischen Traditionszusammenhängen. Wie einst die Geistige Landesverteidigung. Diese Grenze hat Freysinger mindestens zweimal überschritten, durch die gehisste Reichskriegsflagge und seine bis anhin wenig beachtete Holocaust-Leugner-Motion.