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Knapp zweieinhalb Stunden spielte am Freitag vergangener Woche Erwin Kessler, Präsident und Angestellter des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), seine Rolle als Biedermann und hetzte gegen die Juden. Seine anwesenden Anhänger/innen klatschten und johlten.

"Ich fühle mich wie an einer Fröntlerversammlung", bemerkte Sigi Feigel, der wegen Kesslers Unbelehrbarkeit eine unbedingte Gefängnisstrafe forderte. Die Bezirksanwaltschaft Bülach hatte eine bedingte Gefängnisstrafe von fünf Monaten gefordert. Erst als der Gerichtspräsident ultimativ mit der Räumung der Zuschauerbühne drohte, hielten sich die Zuschauer/innen mit ihren Unmutsäusserungen zurück. Angeklagt war Kessler einerseits wegen Gefährdung des Lebens, da er mit seinem Auto und heulendem Motor gegen einen Rindermäster gefahren ist. Verantworten musste sich der publizitätsgierige Kessler, der sich im März 1995 selbst wegen Widerhandlung gegen die Antirassismus-Strafnorm anzeigte, aber auch für eine Vielzahl antisemitischer Passagen, die er seit Januar 1995 im VgT-Vereinsblatt (Auflage 100'000) veröffentlichte.

Bereits in einem von Kessler gegen die WochenZeitung (WoZ) angestrengten Ehrverletzungsprozess hatte das Bezirksgericht Zürich entschieden, dass Kessler "mit antisemitischen Bemerkungen gegen das Antirassismusgesetz" geworben habe. Wie viele andere Antisemiten bestritt Kessler, antisemitisch zu sein, doch enthielt sein Plädoyer eine Vielzahl antisemitischer Passagen. Die SPS sei, so behauptete Kessler, seit der Wahl von Ursula Koch ein "jüdisch dominierte Partei". Die Juden hätten sich "Sonderrechte" verschafft und bildeten "einen Staat im Staat". Er unterstellte den Juden auch einen "Wahn, das von Gott auserwählte Volk zu sein". Bei einer Verurteilung, so Kesslers Ankündigung, werde er noch "schonungsloser" auftreten. Gemäss dem Wunsch Kesslers wird der Einzelrichter des Bezirksgerichts Bülach sein Urteil am Mittwoch, 16. Juli öffentlich verkünden

In der neusten Ausgabe der VgT-Nachrichten wirbt er für den letzten Bucherguss des Holocaust-Leugners Jürgen Graf. Auch liefert er noch ein weiteres Beispiel für seinen Wahn. Er drückt wieder einem Gegner den Stempel "Juden" auf. Auch Georg Kreis, Präsident der Eidgenösssichen Kommission gegen Rassismus, soll "Juden wie (Ruth) Dreifuss" sein. Von der WoZ mit Kesslers Falschmeldung konfrontiert, kommentiert Kreis spöttisch: "Ich lasse mir diese Dimension nebst manchen anderen gerne zuschreiben. Bereits bei der Gründung des Europainstitutes (1993) wurde uns nachgesagt, da müsse bestimmt jüdisches Geld drinstecken."