Der Rechtsextreme Pascal Lobsiger beherrscht das Spiel von öffentlicher Distanzierung und unveränderter Weltanschauung meisterhaft.
Strammen Schrittes trat der 25-jährige Skinhead Pascal Lobsiger vergangene Woche vor die «Rundschau»-Kamera und verkündete freundlich, er sei zwar Rechtsextremist geblieben, aber er distanziere sich von Gewalt. In die Schlagzeilen gebracht hat er sich als Exponent jener hundert neonazistischen Glatzen, die am 1. August auf dem Rütli polizeilich unbehelligt Naziparolen grölten.
Lobsiger distanzierte sich nicht zum ersten Mal von seinen Aktionen, das gehört zum üblichen Spiel in der rechtsextremen Szene. Er beherrscht das Spiel von Distanzierung und unveränderter Weltanschauung ebenso wie der Worblaufener Roger Wüthrich, Präsident der Avalon-Gemeinschaft, der das «Rundschau»-Team in seiner Wohnung Hitler-Porträt und Hakenkreuz-Fahne filmen liess. Bereits vor Jahren hatte der 39-jährige Wüthrich, einst Gründer der Wiking Jugend Schweiz, behauptet, Gewalt bringe nichts, um dann kurze Zeit später mit dem Sturmgewehr auf dem Arbeitslosenamt zu erscheinen zwecks Durchsetzung seiner Forderungen.
Einmal allerdings sprach Lobsiger öffentlich Klartext, aber nicht unter seinem eigenen Namen. Als 19-jähriger «Peter Stramm» und ehemaliges Mitglied der rassistischen Nationalen Jugend Schweiz liess er sich im Sommer 1993 vom «Beobachter» porträtieren. Das Porträt umschreibt bereits alle Motive, die den Heizungsmonteur seit seinem Eintauchen in die Naziskin-Szene politisch umtreiben. Stolz sei er, wenn er am 1. August für die Bundesfeier aufs Rütli steige, erklärte er. Auch das Feindbild änderte nicht, die Ausländer und die Linken oder Punks, die er mit seinen «Kameraden» belästige oder angreife. «Mit denen zu reden, nützt nichts, denn beim Reden ist immer Lüge dabei. Die Faust ist eine direkte und ehrliche Botschaft.
Der Theorie folgte die Praxis. Steine waren Lobsigers Botschaft an der Blocher-Demo im September 1995. Ein Foto zeigt den Thurgauer Skin beim Steinewerfen gegen linke Gegendemonstranten. Wenige Wochen später organisierte der damalige Chef der Hammerskin-Aufbauorganisation seinen grössten Coup. Exakt zu seinem 21. Geburtstag lud er Anfang November 1995 Glatzen zum Angriff auf die Linken: «Alle Kameraden haben die Pflicht zu kommen, wer nicht erscheint, ist es nicht wert, sich ein Kämpfer für unsere Rasse zu nennen!» Unterzeichnet mit dem Kürzel 88 für Heil Hitler. Und die Kameraden kamen.
Beim Angriff auf das Festival der Völkerverständigung im luzernischen Hochdorf wurden mehrere Personen verletzt. Nach der Verhaftung gestand Lobsiger: «Ich war der Organisator. Ich trug einen Baseballschläger bei mir und war vermummt.»
Bereits ein halbes Jahr später markierte er Abgrenzung: «Ich habe mich jetzt aus der Szene zurückgezogen.» Er sei zwar noch Skin, «aber organisiere nichts mehr». Bis zur Verhandlung vor Obergericht im Mai 1998 beteuerte er stets seine Wandlung, obwohl diverse Skinaktivitäten aktenkundig wurden. So war er bei einem grossen Skinkonzert in der Westschweiz Mitglied der Hammer-Security, ein Vertrauenposten. Vor Gericht behauptete er, er habe beim Konzert als Securitas gearbeitet. Anwesend war Lobsiger auch, als Thurgauer Kantonspolizisten im Juli 1996 in Weinfelden eine Skin-Party auflösten. Der Heizungsmonteur drohte den Beamten: «In zehn Jahren seid ihr sowieso meine Angestellten, dann bin ich nämlich der Führer.» Dies habe er nur zum Spass gesagt, behauptete er später. Die Distanzierung erreichte jedoch fast das erhoffte Ergebnis, eine bedingte Gefängnisstrafe. Erst das Luzerner Obergericht, angerufen von Staatsanwalt Horst Schmitt, entschied auf ein Jahr Gefängnis unbedingt. Ironie der Geschichte: Von den in der Szene üblichen Distanzierungen war auch Lobsiger selbst betroffen. Bei den Polizeibefragungen hatten zuvor mehrere Mittäter behauptet, sie wären zum Mitmachen gezwungen worden. Beweise konnten sie keine vorbringen. Die Scheinheiligkeit von Lobsigers Rückzug aus der Skinszene zeigte sich nach seinem Haftantritt im Januar 1999: Er wurde auf dem Infotelefon der Hammerskins monatelang als «politischer Gefangener» gefeiert.
Vor den Richtern tönte Lobsiger auch an, dass die Skins gemeinschaftlich die Schäden von Hochdorf von rund 11 000 Franken bezahlen werden, wenn die Gerichtssache vorbei sei. Nach Rechtskraft der unbedingten Gefängnisstrafe mahnten die Hochdorfer Organisatoren Lobsiger zur Schadensbegleichung. Umgehend erhielten sie ein handgeschriebenes und eingeschriebenes Brieflein: «Habt ihr wirklich das Gefühl, dass ich euch etwas zahle?» Aber auch hier vertröstete er auf später: Wenn er überhaupt zahle, «dann müsst ihr warten, bis ich wieder in Freiheit bin».
Neuerdings wird er seine Zahlungsunwilligkeit wohl damit begründen, dass er nach dem Rütli-Aufmarsch seine Arbeitsstelle verloren habe. Rassist und Heizungsmonteur Lobsiger hatte einen Arbeitsvertrag unterschrieben, der rassistische Betätigung ausdrücklich untersagte.
Das bei Rechtsextremisten übliche Distanzierungsspiel findet gelegentlich gläubige Amtspersonen. Mitte Juli versuchte eine 19-jährige Lehrlingsfrau in Möhlin eine Asylbewerber-Unterkunft mit Benzin anzuzünden. Zwei Wochen später wurde sie gefasst und gestand den Anschlag. Dann machte sich der Bezirksamtmann Ambros Kessler vor den Medien zum Sprecher der Täterin. Sie sei keine organisierte Rechtsextremistin, verkehre aber in rechtsextremen Kreisen. Den Brandanschlag habe sie nur begangen, weil ihr die Eltern einen Papagei vorenthalten hätten, besänftigte er. Nur: Wer kommt denn gleich auf die Idee, wegen Schwierigkeiten mit den Eltern eine Asylbewerber-Unterkunft anzuzünden?