Die CHance21 will eine «schweiz-positive Kraft im Mitte-Links-Lager» werden. Doch ihre neuesten Aktivitäten weisen zum VPM und zu einem wenig bekannten deutschen Neurechten.
Als "schweiz-positive Kraft im Mitte-Links-Lager" wolle die CHance21 jene Leute ansprechen, die "von der SVP nicht erreichbar und ansprechbar" sind. So steht es in einem Papier, das der CHance21-Vorstand am 21. März verabschiedet hat. Ziel dieser Politik sei "die Schwächung" jener Koalition "die sich selbst als ‚Koalition der Vernunft'" begreife. Sie zeige sich etwa in Agglomerationsgemeinden, "wo SP und Grüne ihre Hochburgen und auch einen grossen Einfluss auf die bürgerlichen Wähler von CVP und FDP" hätten.
Daraus wird wohl nichts werden. Das von Peter Mattmann verfasste Papier, verbreitet weitgehend den herben Charme einer patriotischen Rütlischweiz wie ihn sonst Ulrich Schlüers "Schweizerzeit" oder die Parteizeitung der Schweizer Demokraten verbreiten: Es gäbe nichts zu beschönigen, beginnt Matttman beispielsweise, mit dem UNO-Vollbeitritt habe das Land "reell an Souveränität" eingebüsst.
Rechthaberisches Sammelbecken
Auch mit der Qualifizierung des Bergier-Berichtes als "Geschichtsklitterung" folgt der einstige Poch-Mitbegründer einer Argumentation, die weder in der Mitte noch im linken politischen Spektrum geteilt wird. Und mit dem mehrfachen Verwendung des Begriffes "Spin-Doctor" (Verdreher oder Manipulatoren) legt Mattmann gar eine verräterische Fährte: Diesen Begriff verwenden sonst vor allem Mitglieder des Vereins für Psychologische Menschenkenntnis (VPM), der sich in den letzten fünfzehn Jahren als ebenso sektierisches, wie rechthaberisches Sammelbecken von (meist parteiungebundenen) Nationalkonservativen entwickelte.
Bereits die einstige Bewegung für eine neutrale Schweiz ohne EU-Nato-Anschluss (BNS), Vorläuferin der CHance21, war durch eine besondere Nähe zum VPM aufgefallen. Immer wieder erschienen BNS-Aufrufe in den VPM-dominierten "Zeit-Fragen, mehrmals war Mattmann bei VPM-dominierten Komitees aktiv. Zwar hat sich der VPM am 3. März 2002 - genau an jenem Sonntag, als die Schweiz den Vereinigten Nationen (UNO) beitrat - offiziell aufgelöst. Nur die einstigen VPM-ExponentInnen treten weiterhin auf, vermehrt sogar. So beispielsweise am kommenden Dienstag bei der CHance 21, anlässlich der "1. Vollversammlung von CHance21".
Angekündigt sind Renata Rapp; Zürich und der Historiker Thomas Kaiser, Zürich. Sie sollen über die "Historischen Wurzeln und geopolitische Implikationen im Nahostkrieg" sprechen. Rapp beispielsweise gehörte zu den ExponentInnen einer VPM-Privatschule, die in der aargauischen Mutschellengemeinde Rudolfstetten entstand. Verfolgt man die Nahost-Berichterstattung in der VPM-dominierten "Zeit-Fragen", stellt man immerhin fest, dass die Zeitung eine palästinafreundliche Linie ohne Hetze vertritt. Was hingegen die "geopolitischen Implikationen" betrifft, ist mit verschwörungsphantastistischen Gedankenflügen zu rechnen.
Bereits zwei Wochen später lädt die CHance21 zu einem Vortrag "Multikulturalität versus nationale Identität - das Konzept der Gastfreundschaft als Ausweg aus der Sachgasse?" Referent ist Johannes Heinrichs. Wer aber ist Johannes Heinrichs? Der 60jährige ehemalige Jesuit - heute offensichtlich und herzerfrischend kirchenfeindlich - ist seit 1998 an der Humboldt-Universität zu Berlin Professor für Agrar-Kultur und Sozialökologie. Dies als Nachfolger des einstigen linken DDR-Dissidenten Rudolf Bahro, der gegen Ende seines Lebens zunehmend esoterischen Schwachsinn veröffentlichte.
Von der Herkunft verabschieden
Der Bahro-Nachfolger hat sich die Chance21-Einladung mit dem 1994 veröffentlichten Büchlein "Gastfreundschaft der Kulturen" verdient. Der Text entstand als Replik auf einen Aufsatz von Jürgen Habermas, der Ende Mai 1993 unter anderem bei der Frage der Staatsbürgerschaft eine Abkehr vom jus sanguinis hin zum jus solis verlangte. Heinrichs wirft Habermas denn auch "Blindheit für national-kulturelle Werte und Identität" vor. Heinrichs ist immerhin soweit politisch sensibel, auf eine blutbedingte Begründung für die Ablehnung des jus solis zu verzichten. Er postuliert eine "ethnische und kulturelle Begründung der nationalen Zugehörigkeit". Oder konkreter: "Ohne kulturelle Identität" - für die vorallem die Sprache stände - hätte "eine Nation als solche kein Lebensrecht". Welche politische Auswirkungen Heinrichs Konzept hat, verdeutlicht eine von Heinrichs Gedankengut inspirierte und von ihm auch mitunterzeichnete Petition des sehr rechten Berliner Bürgerforums: Einwanderer und deren Kinder müsse "die Entscheidung abverlangt werden, ob sie den Status von Gästen behalten oder auch im kulturellen, nicht nur im wirtschaftlichen und politischen Sinne Deutschen werden wollen". Eine weitgehende Verabschiedung von der Herkunft also.
Entlarvend
Auf welch obskuren ideologischen Pfaden Heinrichs wandelt, wird bei einigen Passagen deutlich, die nur am Rande mit dem Thema Staatsbürgerschaft zu tun haben. Der Bahro-Nachfolger bezeichnet Heinrich Heine als "deutschen (kulturell jedenfalls nicht ‚jüdischen') Dichter". Eine entlarvende Differenzierung. Beim Holocaust behauptet Heinrichs "rassistische Hintergründe auf Seiten von Opfern und Tätern". Die Opfer sollen also wieder einmal mitschuldig sein. Und die Überlebenden und ihre Nachkommen sollen nichts dazu gelernt haben: "Die Gründe für die nicht gelungene bzw. unterbrochene Assimilation der ‚Juden' in Deutschland liegen nicht allein im Rassismus der späteren Täter! Derjenige der Opfer lebt unter dem Schleier der verständlichen Trauer weiter." Die Erinnerung an den Holocaust erachtet Heinrichs denn auch als "fortgesetztes Einimpfen von Schuldgefühlen" und dies sei, so Heinrichs weiter, "fortgesetzter Rassismus".
Eine solche Position erachtet die CHance21 als "im Grundton ausländerfreundlich", doch "zugleich national- und kulturbewusst".