Weltverschwörungstheorien waren bis anhin den Rechtsaussen vorbehalten. Nun verheddern sich auch Linke in den Fängen der Voraufklärung.
Was ist mit der Linken los? Mathias Bröckers, einst Kulturredaktor der linken «Tageszeitung» (taz), heute Bestsellerautor beim Zweitausendundeins-Verlag, erachtet sich als einen der wenigen erleuchteten Journalisten dieses Planeten und sprach am Mittwoch vergangener Woche in der Zürcher Roten Fabrik zu seinen JüngerInnen. Eingeladen hatten die Rote Fabrik, die Stiftung Archiv Schnüffelstaat Schweiz, die Swiss Internet User Group (SIUG). Gekommen sind ungewöhnlich viele Leute, vorwiegend sehr jung und männlich. Sie wollen einen Mann hören, dessen Buch «Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9.» inzwischen in der 28. Auflage gedruckt wird und der sich als kritischer «Konspirologe» versteht.
Aufklärung über Verschwörungstheorien also? Die «Gruppe gegen Antisemitismus und Antizionismus» und die Redaktion der Zeitschrift «Risse», personell überlappend, hatten allerdings im Vorfeld die Absetzung der Veranstaltung verlangt, da Bröckers «in bester verschwörungstheoretischer und antisemitischer Manier Israel als Drahtzieher» betrachte. Wenn es auch zutrifft, dass Bröckers einen besonderen Gefallen daran zu finden scheint, Scharons Politik mit der Politik Nazideutschlands zu vergleichen, so waren die vorgelegten Unterlagen – zurückhaltend formuliert – eher mager gewesen und erweckten den Eindruck, die Gruppe stütze sich in ihrer Bröckers-Kritik auf zwei, drei Sekundärtexte.
Bröckers’ Bauch
Aber schön der Reihe nach. Am 11. September 2001 flogen zwei Passagierflugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center, ein weiterer Jet traf das Pentagon, ein vierter Flieger krachte auf ein Feld in Pennsylvania, alle Maschinen entführt von insgesamt neunzehn Männern von al-Kaida. Bröckers nennt dies «die offizielle Version» und spottet gelegentlich von «Phantomtätern». An diesem Septembernachmittag 2001 habe er, so erzählt Bröckers, an einem Buch über «Verschwörungstheorien» gearbeitet und sofort gewusst, da kann etwas nicht stimmen. Nun, eigentlich hat er es nicht gewusst, sondern sein Bauch meldete es ihm. Und dann ging alles ruck, zuck, zack, zack. Zwei Tage nach dem Attentat veröffentlicht er den ersten Eintrag seines «konspirologischen Tagebuchs», das er bis Ende 2002 auf dem Online-Dienst Telepolis führt. Und seither hat er sich fast täglich an den Computer gesetzt und mit dem Internetsuchdienst «Google» in der Weltgeschichte herumgeklickt. Denn die Medien seien «gleichgeschaltet», doch «zweimal täglich googeln» helfe zuverlässig «gegen virulente Manipulationen, Propagandainfektionen und drohende chronische Verblödung», so weit Bröckers’ journalistisches Verständnis.
Bröckers spricht eloquent, versteckt mehrdeutige Anspielungen in Nebensätzen und führt eine Unmenge von Details an, schildert eine Reihe von Situationen, als sei er direkt daneben gestanden. Und dazwischen lästert er immer wieder über die Mainstream-Medien, besonders über den «gleichgeschalteten» «Spiegel», der ihn im vergangenen Herbst der «September-Lüge» bezichtigt hatte, zusammen mit anderen Autoren wie dem Franzosen Thierry Meyssan oder dem ehemaligen SPD-Staatssekretär und Minister Andreas von Bülow. Besonders empört sich Bröckers über eine «Spiegel»-Aussage: «Was für manchen Rechten die ‘Auschwitz-Lüge’ ist, könnte für manchen Linken die ‘September-Lüge’ werden. Eine verdrängte Wahrheit, um die Weltanschauung nicht verändern zu müssen.»
Verschwörungstheorien? Verschwörungsfantasien! Von Theorien zu sprechen, verbietet die intellektuelle Redlichkeit, da elementare Beweisregeln nicht eingehalten werden. Ein Beispiel: Bröckers erwähnt mehrmals, dass Usama Bin Laden zwei Monate vor dem 11. 9. in Dubai im Spital gelegen sei und vom dortigen CIA-Chef am Krankenbett besucht worden sei. In seinem Buch sagt Bröckers zwar, dass beide Seiten diese Meldung dementiert hätten. Ohne weitere Quellen für diese Behauptung anführen zu können, stellt er nachher aber mehrmals diese angebliche Begegnung als Tatsache dar, zu gut passt sie in sein Hirngespinst einer «konspirativen Einflussachse ‘CIA-ISI-Usama-Taliban» (ISI meint den pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence).
Bröckers’ «Quellen»
Bröckers mimt den Theoretiker, der sich mit «Verschwörungstheorien» beschäftigt, und entwirft selber eine Verschwörungsfantasie. Und wie andere Vertreter seiner Gilde stützt er sich auf andere einschlägige Fantasten, die er – ebenso wie andere – als seriöse Quellen zu tarnen versucht, beispielsweise «das Schweizer Magazin Zeitfragen», er meint die Zeitung «Zeit-Fragen» aus dem VPM-Umfeld. Oder den «britischen Historiker Antony Sutton», der wegen seiner Publikationen gar seine Stelle verloren haben soll. Nur: Der unlängst verstorbene Sutton war – gelinde gesagt – ein paranoider Rechtsaussen, und dessen Buch wird im Grabert-Verlag vertrieben. Gemäss «Handbuch Deutscher Rechtsextremismus» gehört der Verlag «für das rechtsradikale bis neofaschistische Spektrum» zu den «bedeutendsten Publikationsmöglichkeiten» in Deutschland.
Und die im gleichen Zusammenhang erwähnten beiden Autoren Paul Goldstein und Jeffrey Steinberg sind Exponenten der rechtsextremistischen Grüppchen um Lyndon LaRouche. Dieser «Jeffrey Steinberg, Historiker», darf denn auch im Juni 2002 in den VPM-inspirierten «Zeit-Fragen» schreiben (aber das ist eine andere Geschichte). Gestützt auf diese drei Herren schreibt Bröckers, dass die Bushs (Grossvater, Vater, Sohn) Mitglied der Freimauervereinigung Skulls & Bones seien, einer «Bruderschaft» mit «rassisch-elitärem, ‘blaublütigem’, antijüdischem, antifarbigem Charakter», die einst sowohl die Nazis wie die Kommunisten finanziell aufgebaut und dann wieder demontiert hätten. Üblicherweise würden sich Organisatoren wie VeranstaltungsbesucherInnen wohl dagegen verwahren, sich in der politischen Gemeinschaft mit LaRouche und anderen Rechtsextremisten zu finden.
Bröckers’ Anspielungen
Selbstbewusst behauptet Bröckers, alle seine Aussagen seien dokumentarisch abgestützt. Wie es denn nun sei mit seiner Behauptung, dass in Kabul nur genehme Internet-Sites aufgerufen werden können, fragt ein junger Zuhörer den Autor. Bröckers weiss es nicht. Eine präzise Frage entlarvt den Meister, was ihn allerdings nicht hindert, weitschweifig abzulenken. In der Diskussion will dann noch ein junger Mann wissen, wer es denn nun tatsächlich gewesen sei. Bröckers hat Anspielungen und Andeutungen gemacht, doch festlegen will er sich nicht. Nur so viel: Er habe gerade sein neuestes Werk fertig geschrieben, behandle dort drei Szenarien, erstens das offizielle, zweitens den Ansatz «let one happen, stop the rest», will heissen, die Geheimdienste hätten von den Plänen gewusst, jedoch ein Attentat geschehen lassen, um hinter die Strukturen zu kommen. Drittens ein «katalysierendes Ereignis» in einem längerfristigen Plan. Das erste halte er für das unwahrscheinlichste, erläutert Bröckers noch, eher tendiere er zur Annahme einer Geheimdienst-Inszenierung.
Klar ist: Nachrichtendienste sind ihr Geld nicht wert. Sie arbeiten auch in Zonen der Willkür, auch in Staaten, die sich Demokratien nennen. Sie können bei Bedarf jenseits des Rechts arbeiten und erfreuen sich einer kaum existierenden parlamentarischen, ergo demokratischen Kontrolle. Und ihr Doppelspiel zwischen Verschwiegenheit und der Streuung gezielter Informationen bilden eine idealen Nährboden für Verschwörungsfantasten.
Die linken Gläubigen
Eine Frage allerdings bleibt: Warum finden Verschwörungsfantasien in linken Zusammenhängen in letzter Zeit vermehrt Beachtung? So verbreitete auch die Pro-PLO (Schweiz) monatelang auf ihrer Homepage einen Verschwörungstext zum 11. 9., teilweise gestützt auf Materialien der LaRouche’schen Politsekten. Ein Mitglied der linken Luzerner Organisation Phase 1 bedient Bekannte ungefragt mit diesem Text, versehen mit dem Hinweis, vielleicht könne etwas Wahres daran sein. Und auch der Globalisierungskritiker Michel Chossudovsky («Global Brutal», 2002) hat in seinem Buch inzwischen ein Verschwörungskapitel eingebaut. Er wird inzwischen auch in den VPM-inspirierten «Zeit-Fragen» gerne als Gewährsmann zitiert.
Fazit: Akkumulierte, aber belesene Dummheit hätte man Bröckers’ Geschreibsel noch vor einigen Jahren nennen können, heute muss man es wohl als gegooglete Fragmentinformationen bezeichnen. Wie dem auch sei: Verschwörungsfantasien sind eine Pervertierung der Aufklärung und der Vernunft – und der Schlaf der Vernunft gebiert immer wieder Ungeheuer. Auch bei Mathias Bröckers. In der Roten Fabrik erhielt er viel Applaus und zustimmendes Raunen. Zu gut bediente er die Wut über die Angriffskriege der USA (und ihrer Verbündeten) gegen Afghanistan und Irak. Aber wie schrieb Bröckers selbst: «Die Funktion von Verschwörungstheorien, komplexe Zusammenhänge auf einfache Ursachen zu reduzieren, macht sie zum idealen Instrument der Propaganda und Agitation.» In der Tat, so ist es.