Der Bundesrat will auf dem Rütli "auch politische Veranstaltungen" zulassen. Die Frage ist nur; wer will neben Rechtsextremen und Nationalkonservativen noch auf dem Rütli demonstrieren? Die Lösung: Schafft Platz für bedrohte Nutztiere!
Das Rütli ist eine Wiese, sonnig gelegen, mit beeindruckender Aussicht auf Urner See und Berge. Gemäss früheren Beobachtungen von Ueli Maurer, damals noch SVP-Präsident, soll sie auch schon Kuhdreck getragen haben. Was soll's? Die Weise gedeiht, auf dem Rütli wachsen viele CHrütli. Und bereits um 1850 ist sie zum Sehnsuchtsort des entstehenden Bundesstaates geworden und diese patriotische Aufwallung hat die grüne Matte vor einer Hotel-Überbauung bewahrt. Die freisinnig dominierte Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) kaufte das Grundstück, schenkte es der Eidgenossenschaft, blieb aber Verwalterin. Das Rütli wurde - so der Historiker Georg Kreis - zum "wichtigsten Symbolort der Schweiz". Auch um die sozialen und politischen Spannungen der bürgerlichen Gesellschaft zu verwischen.
Aber auch Symbolorte haben ein Verfalldatum. Der Schweizer Nationalismus - wirtschaftlich international verflochten, politisch keine Mitgliedschaft in politischen internatonalen Organisationen wie der UNO - ist obsolet geworden. Nur noch Nationalkonservative (SVP, AUNS und Konsorten), xenophobe Rechtsaussen (Schweizer Demokraten) und Rechtsextreme (von der PNOS bis Holocaustleugner) verbreiten die Ideologie der Geistigen Landesverteidigung: eine autarke Schweiz, abwehrend bis diskriminierend gegenüber AusländerInnen und Minderheiten, ansonsten zusammengehalten von bäuerischer Kultur und ländlichem Leben. (Jo, jo! Mir Senne hei 's lustig, mir Senne hei 's guet.)
Die Erst-August-Feier auf dem Rütli spiegelt diese Entwicklung. Schon 1996 beteiligten sich erstmals Rechtsextreme an der Feier. Jährlich standen mehr Naziskins vor dem Festredner, bis auch die SGG-Rütlikommission einsah, dass Änderungsbedarf bestand. Das Resultat: Wie Europa wurde "das Rütli" zur Festung, Zutritt nur mit Eintrittskarte, die Feier hingegen vermittelt - wenn auch nur ansatzweise - das Bild der modernen Schweiz. Festredner dieses Jahr - inmitten von TrachtenträgerInnen: Antonio Hodgers, wohnhaft in Genf, geboren in Argentinien, eingebürgert als Jugendlicher und Nationalrat der Grünen. (Christoph Mörgeli, wir warten auf ihre Empörung!)
Seit Jahren ernten Aktivitäten der Rütlikommission Kritik von Nationalkonservativen, sei es, weil Redner wie SVP-Halbbundesrat Samuel Schmid die internationale Ausrichtung der Schweiz verteidigten, sei es, weil Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (SP) - zusammen mit der FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi - die Wiese für eine Bundesfeier modernisierte. Ihr Auftritt war Demonstration: die Deutungsmacht der nationalistischen Rechten ist gebrochen. Wenn auch nicht endgültig. Demonstrativ veranstaltete die autoritär geführte SVP Ende Mai 2011 auf der Wiese einen "Kaderrapport". Der Tag wird zur Farce: In einer "Rütlierklärung 2011" fordern die Innerschweizer SVP-Kantonalparteien - im Beisein des SVP-Bundesrats Ueli Maurer: "So wie die Urkantone aus dem habsburgischen Grossreich gelöst haben, verpflichten sich die Waldstätter SVP-Kantonalparteien im Falle eines EU-Beitritts zur Bildung einer neuen Eidgenossenschaft. Die SVP Schweiz klärt die dafür nötigen Mittel und Wege." Im Klartext. In Anwesenheit eines Regierungsmitgliedes verpflichten sich SVP-Sektionen zu einem neuen Sonderbund, wider die demokratische Mehrheit.
Selbstverständlich hatte die SVP keine SGG-Bewilligung eingeholt. Warum auch? Rechtsextremisten hatten ihr vorgemacht, dass es auch ohne geht: In den vorangegangenen Jahren, als die PNOS jeweils am ersten August-Sonntag eine Kundgebung durchführte, ging die SGG-Rütlikommission ja nicht gegen Verstösse gegen die Hausordnung vor.
Nun stellt sich der Bundesrat hinter einen CVP-Vorstoss, der allen Parteien auf dem Rütli Zugang gewähren soll. Die Frage bleibt: wer will auf dem Rütli noch demonstrieren? Ausser den Rechtsextremen und den Nationalkonservativen natürlich, auch jenen in der CVP. Und wer soll eine Neuordnung umsetzen: Die bisherige Verwalterin ist unwillig und/oder unfähig, Regeln durchzusetzen. Folgerichtig also die Wiese mit den vielen CHrütlis einer anderen Stiftung zur Verwaltung zu übertragen, beispielsweise der Stiftung ProSpecieRara, damit dort im Sommer weiden können: Spiegel- und Walliser Landschafe und Stiefelgeissen und Kupferhals- undm Schwarzhalsziegen. Eine Attraktion für jede Schulreise.