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Seit Montag steht der Massenmörder Anders Behring Breivik vor Gericht. Er sieht sich als unschuldig. Er habe aus präventiver Notwehr gehandelt. Die Islam-Gegner distanzieren sich von ihm: Breivik sei ein unbedeutender Narzisst.

Der Prozessausgang ist gewiss: Anders Behring Breivik, angeklagt des Terrors und des vielfachen vorsätzlichen Mordes, wird den Rest seines Lebens in Unfreiheit verbringen. Entscheiden muss das Gericht noch, wo er das tun wird. Ist Breivik straffähig, dann wird er 21 Jahre im Gefängnis sein und anschliessend verwahrt werden. Ist er unzurechnungsfähig, wird der 33-Jährige in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Breivik selbst will keine Schonung, er sieht für sich nur zwei juristische Varianten: «Todesstrafe oder Freispruch».

Zu Prozessbeginn am Montag wiederholt Breivik sein Geständnis, erklärt sich aber als «unschuldig», denn er habe in «präventiver Notwehr» gehandelt. Erstmals erklärt er auch, dass er das Gericht nicht anerkenne, es sei eingesetzt von einer Regierung, die dem Multikulturalismus anhänge.

Breivik erscheint ruhig im Gerichtssaal, er antwortet meist kurz und überlegt, aber auch emotionslos. An den ersten drei Tagen hebt er jeweils vor Verhandlungsbeginn demonstrativ die rechte Faust zum Gruss. Nur einmal verliert er die Fassung, am ersten Tag. Als der Staatsanwalt Breivik jenes Video vorführen lässt, das Breivik – zusammen mit einem Manifest – unmittelbar vor seiner Tat an rund 1500 Adressen versandte und ins Netz stellte. Breiviks Tränen deuten medienschnelle Fernpsychologen umgehend als «Narzissmus». «Feige Tränen» titelt anderntags «Dagbladet», eine der grössten norwegischen Zeitungen.

Überzeugungstäter
Nichts Neues bringt Breiviks Verlesung der angekündigten und schriftlich vorbereiteten Erklärung am zweiten Verhandlungstag. Er bezeichnet sich als Repräsentanten einer europäischen Widerstandsbewegung gegen den Kommunismus und den Islam, ebenso als Mitglied eines Tempelritter-Netzwerkes. Er würde es wieder tun, erklärt er weiter, «aus Güte, nicht aus Boshaftigkeit», dies, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Klar wird: Breivik ist ein rechtsextremer Überzeugungstäter, auch wenn er sich selbst als «Kulturkonservativen» bezeichnet und manchmal als «militanten Christen». Nach dem Sieg der Roten Armee hätten, so skizziert er die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, die «Kulturmarxisten», gestützt auf die «Theorien der Frankfurter Schule», die Dominanz über Medien und Bildung übernehmen können und die Gesellschaft «feminisiert». Vor allem aber seien sie für die Ideologie des «Multikulturalismus» verantwortlich. Diese sei, so meint Breivik im abgespielten Video, «eine antieuropäische Hass-Ideologie, geschaffen, um europäische Kulturen und Traditionen aufzulösen, auch europäische Identitäten, das europäische Christentum und sogar europäische Nationalstaaten». Vorstellungen, wie sie ähnlich auch andere Islamophobe vertreten.

Anders
In Bedrängnis kommt Breivik, als die Staatsanwältin Inga Bejer Engh ihn bohrend zu seiner Rolle im internationalen Netzwerk der Tempelritter befragt, das er in seinem Manifest beschrieben hat. Bereits in den vergangenen Monaten hatten weder Untersuchungsbehörden noch Journalisten Indizien oder Beweise gefunden. Vor dem Gericht widerlegt die Staatsanwältin Breiviks Behauptungen weitgehend. Das Kreuzritter-Netzwerk ist nicht mehr als ein Hirngespinst. Breiviks Zusammenarbeit mit anderen Rechtsextremen ist auch schwierig vorstellbar. In seinem Manifest verabschiedet Breivik sich von einem konstituierenden Bestandteil rechtsextremer Ideologien: dem Antisemitismus. Breivik will das «jüdisch-christliche Europa» verteidigen, dazu zählt er auch den Staat Israel. Er verurteilt die nationalsozialistische Judenverfolgung. Mit solchen Ansichten macht man sich bei Neonazis keine Kameraden.

Im Vorfeld hat der Verteidiger Geir Lippestad Breiviks persönliche Befragung zum 69-fachen Mord im sozialdemokratischen Sommerlager als vielleicht «härtesten Tag» des Prozesses bezeichnet. Die Gerichtspräsidentin orientiert die anwesenden Opfer und Hinterbliebenen am Freitag zu Beginn, dass sie – wenn es für sie unerträglich werde – den Saal jederzeit verlassen dürfen. Vom ersten Schritt auf der Insel bis zur Verhaftung schildert dann Breivik jede Hinrichtung, viele mit Kopfschuss aus nächster Nähe. «Es war grausam», erklärt er, «überall war Blut.» Um eine solche Tat zu vollbringen, müsse man «gefühlsmässig abgestumpft» sein. «Das muss man trainieren.» Er habe seit 2006 mit Hilfe von japanischen Meditationstechniken geübt, die Emotionen zu unterdrücken. Er schildert auch, wie er Opfer angelockt habe und sie dann angeschrien habe: «Ihr müsst alle sterben, ihr Marxisten!»

Das Bezirksgericht Oslo tagt, unter grosser Beachtung der internationalen wie auch der norwegischen Medien. Diese grosse Transparenz ist in Norwegen unumstritten. Hinterbliebene und Opfer wehrten sich aber dagegen, dass Breivik bei der Befragung eine Plattform erhält, seine Ideologie ausführlich zu begründen. Nach Intervention des Gerichtes willigt Breivik ein, sich bei seiner vorbereiteten Erklärung zurückzuhalten. Auch unterbinden die Richter eine TV-Übertragung von Breiviks persönlicher Befragung.

Neben den Medien nutzt auch die norwegische Justiz viele technische Möglichkeiten, um einen formell korrekten Prozess durchzuziehen, transparent für den Angeklagten, die Opfer und die Hinterbliebenen, insgesamt für die norwegische Gesellschaft. Die Verhandlung wird in siebzehn Gerichtssäle im ganzen Land übertragen, damit Privatkläger dort der Verhandlung beiwohnen können. Als kurz nach Prozessbeginn publik wird, dass einer der fünf Laienrichter in den Tagen nach Breiviks Massenmord in einem Facebook-Eintrag für die Todesstrafe eingetreten ist, wird er umgehend seines Amtes enthoben.