Wie bei anderen Affären kommt der tatsächliche Sachverhalt scheibchenweise ans Licht der Öffentlichkeit, auch beim Fanmarsch von Anhängern des FC Luzern von Mitte Februar. Ein Fanfotograf veröffentlicht zuerst das Bild eines als orthodoxen Juden verkleideten St. Gallers, der von den Luzerner Fans ins Stadion getrieben wird. Der Fotograf als Überbringer einer unerfreulichen Nachricht wird von den Verantwortlichen des FC Luzern kurzfristig sanktioniert. Erst nach grosser Medienresonanz eröffnet die St. Galler Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm. Nun macht sie publik, dass mindestens sieben Männer auch eine Parole gerufen haben, nämlich "Und sie werden fallen – die Juden aus St.Gallen". Die Schreier sind im Alter von 24 bis 30 Jahren. Die Polizei hat nun alle sieben - wobei nur vier bereits identifiziert sind - bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Diese wird darüber befinden müssen, ob die antisemitisch inspirierte Aktion auch strafbar ist. Konkret, ob die Angezeigten öffentlich zu "Hass oder Diskriminierung" aufgerufen oder Ideologien zur systematischen Herabsetzung oder Verleumdung von Juden verbreitet oder Juden "in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise" herabgesetzt oder diskriminiert haben. Eine Einstellungsverfügung wäre keine Überraschung. Den Überblick verloren hat bereits das "St.Galler Tagblatt", bezeichnet es doch das Fussballfan-Vergehen neuerdings als "Judenskandal" – als seien die Zielscheiben antisemitischer Vorstellungen selber die Verursacher.